Ezra Furman Er verknallt sich in einen Engel

Was ist das denn! Stimmt da womöglich etwas mit der Stereoanlage nicht? Oder ist die CD nicht in Ordnung? Okay, okay, nach einem ersten Moment der Irritation offenbart sich alsbald, dass die Sache Methode hat – und „Suck the Blood From My Wound“, die erste Nummer des neuen Albums von Ezra Furman, in ihrem wie verrutscht wirkenden filter-fahlen Sound vielfach gebrochen ist, samt der blubbernden Merkwürdigkeit eines rudimentären Synthiebeats. Von Furman hat man packend hibbelig vorwärtspolternde Songs in einem knarzigen Garagenrocksound im Zeichen der retrogeprägten nuller Jahre im Ohr. Vorne dran seine beiden mit seiner Begleitband The Harpoons eingespielten Indiehitstomper „We Should Fight“ und „Take Off Your Sunglasses“. Auf seinem neuen Soloalbum mit dem Titel „Transangelic Exodus“ jedoch wartet er mit ungewohnt obskuren Klangbildern auf.

Die in einer explizit queeren Art glamhafte Ästhetik ist das Kennzeichen Furmans seit seinen Anfangstagen, der Punk als wichtige Inspirationsquelle ist nach wie vor nicht zu verkennen. Auf dem vorliegenden Album schlägt der nach Stationen in New York und Oakland (Kalifornien) und Chicago neuerdings in Berkeley lebende Sänger, Gitarrist und Songwriter, Jahrgang 1986, musikalisch viele Haken.

Vom pophistorisch belasteten Begriff „Konzeptalbum“ will Furman nichts wissen. Eher schon schreibt er seiner „queer outlaw saga“, in der sich Fiktion und eigenes Erleben als Mensch mit einer vom Mainstream abweichenden sexuellen Identität treffen, einen novellenartigen Charakter zu, was man mangels ernstlicher epischer Entwicklung nicht teilen muss. Natürlich schwingt die aktuelle politische Entwicklung (nicht nur) in Amerika mit. Das ist nun keinesfalls eine primär düstere Angelegenheit, beispielsweise sind die Texte gespickt mit sexuellen Anspielungen.

Das lyrische Alter Ego, so viel Operettenhaftigkeit muss sein, verknallt sich in einen Engel. Der Status der Engel – das kommt einem bekannt vor – ist freilich der von Illegalen; es entspinnt sich ein „paranoider Roadtrip“. Die Songs werden, Obskuritätenkabinett hin oder her, sämtlich von zugkräftigen, quasi Stück für Stück zur Single taugenden Melodien getragen. Offener als zuvor bekennt sich Furman zu seinem jüdischen Glauben, mit Songs wie „God Lifts Up the Lowly“ und „Psalm 151“. „Jüdisch zu sein“, hat Furman in einem Interview gesagt, hatte auch immer einen progressiven Teil. Da ging es um Gerechtigkeit, „die entsteht, wenn man seiner moralischen Intuition folgt.“

„No Place“ wie auch „The Great Unkown“ sind Glanzlichter einer Inszenierung mit Trommeln, die für eine monströs dramatische Aufladung sorgen. Das prägende Chorecho zum Refrain von „Love You So Bad“ erinnert von fern an die Siebziger-Jahre-Band Electric Light Orchestra. Oft sind es einzelne Instrumente wie eine elegische Bratsche oder ein Synthesizer, der ein fanfarenartiges Riff spielt, die markant hervortreten, einhergehend mit einem Hang zu einer gewissen Abstraktion des musikalischen Pulses, in Abkehr vom dicht gewobenen Geschrammel der frühen Tage. Eine Konstante ist der Kern, die wiederum äußerst starken Songs mit ihren cleveren, doppelbödigen Wendungen.

Dieses Album gewinnt bei einem häufigen Hören von Mal zu Mal mehr. Ein Meisterwurf, möglicherweise gar wird „Transangelic Exodus“ einmal als Ezra Furmans grandios verqueres opus magnum in die Popgeschichte eingehen.

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