Deutsche, verschwundene Juden und Europa

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The Spy Who Came in from the Cold

Teil1: Eine literarische (und filmische) Reise weg von der Demenz[1]

Was haben nackte Brüste, der Holocaust und die amerikanische Filmzensur mit John le Carré zu tun, warum ist sein 2017 erschienener Roman A Legacy of Spies eine Reaktion darauf, und wie kommt die Europäische Union mit ins Spiel? Antworten auf diese und andere Fragen erhält der geneigte User im zweiten Teil dieses Textes über das Vermächtnis des Circus und seiner Spione.

Obszönes Material

1964 schrieb Nico Jacobellis, ein Einwanderer aus Italien, amerikanische Justizgeschichte. Jacobellis leitete ein Kino, das Heights Art Theatre in Cleveland Heights, Ohio. 1959 zeigte er dort Les amants von Louis Malle, in dem Jeanne Moreau einen Orgasmus hat und Mann und Kind verlässt, um mit einem Liebhaber durchzubrennen. Zur zweiten Vorstellung erschien die Polizei, konfiszierte die Filmkopie und nahm Jacobellis auch gleich mit. Anschließend wurde er wegen Zurschaustellung "obszönen Materials" zu einer Geldstrafe von 2500 Dollar verurteilt. Das wollte Jacobellis nicht so hinnehmen.

Er zog bis vor den Obersten Gerichtshof der USA, der 1964 zu seinen Gunsten urteilte. Die Mehrheit der Richter befand, dass das im ersten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung auch für Filme zu gelten habe, solange sie nicht "völlig ohne gesellschaftliche Bedeutung" seien, und dass es landesweiter Standards bedürfe, um dieses Recht einzuschränken. Was obszön sei könne ein Kaff in Ohio nicht allein bestimmen. Richter Potter Stewart schrieb in seine Urteilsbegründung den berühmten Satz, dass er Pornographie erkenne, wenn er sie sehe. Les amants gehöre nicht dazu.

Das Urteil des Supreme Court ermutigte amerikanische Produzenten nicht dazu, den Frauen einen Orgasmus zuzugestehen, wohl aber dazu, ein wenig (weibliche) Nacktheit zu wagen. Für Of Human Bondage, Splendor in the Grass, The Americanization of Emily, The Carpetbeggars, The Cincinnati Kid und gerüchteweise auch für The Sandpipers mit Elizabeth Taylor wurden Nacktszenen gedreht, manchmal in Previews gezeigt und vor dem Kinostart herausgeschnitten, weil die Selbstzensureinrichtung der amerikanischen Filmindustrie, die von Geoffrey Shurlock geleitete Production Code Administration (PCA), sonst ihr Freigabe-Siegel verweigert hätte.

Monsignore Thomas Little, Anführer der Legion of Decency, brüstete sich 1965 damit, dass in den vergangenen zwei Jahren 34 Filme mit Nacktszenen, davon 20 große amerikanische Produktionen, in den Verleih gekommen wären, wenn die Produzenten nicht realisiert hätten, dass die Legion Filme mit nackter Haut unerbittlich "verdammen" (condemn) würde. Die "Legion der Anständigkeit" war eine schlagkräftige, sehr einflussreiche Lobby-Gruppe reaktionärer Katholiken. Um im Bild zu bleiben: Die Produzenten fürchteten sie wie der Teufel das Weihwasser.

Im Nachhinein wirkt Monsignore Littles selbstgefälliger Bericht wie das Pfeifen im Walde. Das Verhängnis war nicht mehr aufzuhalten. Während die organisierten Katholiken standhaft blieben fragten sich protestantische Geistliche, ob das vom Production Code erzwungene Spiel mit aufreizenden Andeutungen und halbem Ausgezogensein nicht viel anstößiger sei als die schlichte Nacktheit, ob der Code also nicht genau jener Unzucht Vorschub leiste, die er bekämpfen wollte. Für Shurlock war das eine schlechte Nachricht, weil es immer schwieriger wurde, den Code und seine Regeln durchzusetzen, wenn selbst die Front der christlichen Kirchen bröckelte.

Filmkunst mit Brüsten

Sidney Lumet hatte mehr die Filmkunst im Blick als die Erregungszustände des Publikums, als er an Originalschauplätzen in Spanish Harlem The Pawnbroker drehte. Die großen Studios hatten lieber die Finger von dem Stoff gelassen. Darum entstand der Film als unabhängige Produktion und mit wenig Geld. In der Hoffnung auf eine spätere Gewinnbeteiligung verzichteten die Mitwirkenden auf einen Großteil ihrer üblichen Gage. Rod Steiger spielt einen Pfandleiher und Holocaust-Überlebenden, der sich in Flashbacks an das Vernichtungslager erinnert. Seine Frau und seine Kinder wurden ermordet.

Ely Landau, der jüdische Produzent, war ein Kämpfer mit Prinzipien und entschlossen, den Pfandleiher so auf die Leinwand zu bringen, wie es die Filmemacher für richtig hielten. Einmal kommt eine schwarze Prostituierte als Kundin in den Laden und lässt ihr Oberteil fallen[2], weil sie sich davon einen besseren Preis für die Ware erhofft, die sie versetzen will. Dem Pfandleiher schießen Erinnerungsfetzen an seine Frau durch den Kopf, die sich vor SS-Schergen nackt ausziehen musste und vergewaltigt wurde.

The Pawnbroker

Nackte Brüste waren laut Code verboten. Der Verleih, die Allied Artists, reichte trotzdem die ungekürzte Fassung zur Begutachtung ein. Shurlock mochte den Film, wollte aber weder gegen die eigenen Regeln verstoßen noch sich mit mächtigen Lobby-Gruppen wie der Legion of Decency anlegen. Am letzten Tag des Jahres 1964 verweigerte er die Freigabe. Dann begann, was die Filmzensur betrifft, ein neues Zeitalter. Die Allied Artists legte Beschwerde ein. Im März 1965 traf sich das zuständige Gremium, das Production Code Review Board, zu einer denkwürdigen Sitzung.

Nach einer mehr als vierstündigen Diskussion wurde dem Pfandleiher die Freigabe in Aussicht gestellt, die Nacktszenen inklusive. Seit der Einführung des Production Code vor über 30 Jahren hatte es so etwas noch nie gegeben. Damit Shurlock sein Gesicht wahren konnte wurde den Produzenten aufgetragen, die von ihm inkriminierten Szenen nicht herauszuschneiden, aber doch zu kürzen. Ely Landau teilte Shurlock mit, dass er alles versucht habe, jedoch nur einige wenige Einzelbilder entfernen könne, ohne den künstlerischen Gehalt zu beschädigen. Ein paar Frames weniger war auch gekürzt. The Pawnbroker wurde mit nackten Busen freigegeben.

Sogar die Legion der Anständigkeit war verunsichert. Die Katholiken billigten dem Pfandleiher ein humanistisches Anliegen zu, rangen lange Zeit mit sich und brauchten nach dem Kinostart in New York und Los Angeles mehrere Wochen, um dem Film ihr C für Condemnation (Verdammung) zuzuteilen. Gerechtfertigt wurde das mit grundsätzlichen Überlegungen. Nicht weil The Pawnbroker an sich obszön sei werde er verdammt, hieß es, sondern weil die Legion Nacktheit auf der Leinwand generell ablehne, zum Wohle der Allgemeinheit.

Außerdem witterten Monsignore Little und seine Truppe eine Verschwörung der Produzenten zur Einschleusung von Nacktheit in den amerikanischen Film, versteckt unter dem Mäntelchen der Kunst und mit The Pawnbroker als Trojanischem Pferd. Das ließ auch Raum für etwas Antisemitismus. Das Klischee vom unmoralischen jüdischen Filmproduzenten, der die reinen Seelen unschuldiger Amerikaner beschmutzt, war von jeher eines der liebsten Feindbilder der Zensoren gewesen und so alt wie Hollywood, wo sich die Hausbesitzer anfangs weigerten, an Juden und Filmvolk zu vermieten.

Die Freigabeentscheidung der PCA hatte ebenfalls eine unschöne Komponente. Der Verdacht liegt nahe, dass es den Verantwortlichen leichter fiel, die nackten Brüste zu genehmigen, weil es der Busen einer Schwarzen war und Schwarze im US-Film gern mit animalischer Sittenlosigkeit assoziiert wurden. Den Tabubruch milderte das in ihren Augen ab. Das war Rassismus. Nach außen wurde die Entscheidung so kommuniziert, dass The Pawnbroker ein einzigartiger Film und eine einmalige Ausnahme von der Regel deshalb gerechtfertigt sei. Dabei werde es bleiben. Das war ein Irrtum oder eine reine Schutzbehauptung.

Die Kritiker der Entscheidung warnten vor Folgen, die unkontrollierbar sein würden. Auch das war falsch. Die Folgen waren durchaus abzusehen, weil die Zeit reif dafür war und weder Geoffrey Shurlock noch Monsignore Little die sexuelle Revolution der 1960er auf Dauer vom amerikanischen Film fernhalten und diesen zur ewigen Pubertät verdammen konnten. Die Ausnahmen von der Regel häuften sich. Ein paar Jahre nach der Freigabe von The Pawnbroker war der Production Code durch eine Einteilung nach Altersgruppen ersetzt.

Nymphomanie und Impotenz

Sidney Lumet führte seinen Abnutzungskampf gegen die Zensur in England fort, wo er The Deadly Affair drehte, nach le Carrés Debütroman Call for the Dead. Dort entstanden damals einige interessante Filme, die überwiegend mit amerikanischem Geld finanziert waren und die Grenzen des Production Code austesteten. Im Vereinigten Königreich war das leichter als in den USA, weil sich Shurlock gerne wegduckte, wenn die Regelverletzungen im Ausland begangen wurden. Er konnte sich ausrechnen, dass es den Code und damit auch seinen Laden nicht mehr lange geben würde. Seine Lage als PCA-Chef war prekär und zwang ihn zum Lavieren.

Lolita

Shurlock sah sich am einen Ende des Spektrums mit Klageandrohungen von streitbaren Produzenten wie Ely Landau konfrontiert und am anderen mit Vorwürfen der Moralapostel. Seit Stanley Kubricks Lolita (James Mason als Humbert Humbert liebt ein blutjunges Mädchen und hat eine intime Beziehung mit Lolita, der er nicht nur die Fußnägel lackiert) hoffte Shurlock, dass Quälgeister wie Kubrick oder Lumet in England einfach den Film drehen würden, den sie drehen wollten, ohne ihn um Rat zu fragen, weil ihn das womöglich in eine schwierige Lage bringen würde. Am liebsten wollte er gar nichts wissen, um später nicht seinen Kopf hinhalten zu müssen, wenn es einen neuen Ausnahmefall gab.

Aus The Deadly Affair, mit Mason als Smiley alias Dobbs (le Carré - siehe Teil 1 - hatte die Namensrechte an seinen Charakteren verkauft) hätte leicht eine Lolita-Variation werden können. Im Roman ist Lady Ann, Smileys Gattin, um die 40. Im Film sollte die halb so alte Candice Bergen die Rolle übernehmen. Mason war 57. Als Bergen absagte wurde die durch ihre Zusammenarbeit mit Ingmar Bergman bekannt gewordene Harriet Andersson (34) engagiert. Altersmäßig passte das besser. Mit Andersson wechselte Ann die Nationalität. Sie gehört nun nicht mehr zum englischen Adel und Establishment.

The Deadly Affair

Einmal zeigt Ann - für heutige Verhältnisse äußerst dezent - ihren nackten Busen, was John le Carré sehr überraschte, als er den Film sah. Vor dem Hintergrund der Zensurgeschichte überrascht es nicht. Unter dem Druck unabhängiger Produzenten, die sich nicht mehr gängeln lassen wollten, war der Code 1956 reformiert und zusammengestrichen worden. Die Geburt von Kindern und Drogenabhängigkeit waren seitdem Themen, die behandelt werden durften. Die letzten Tabus betrafen die Sexualität. Nacktheit, sexuelle Perversionen, der Sex überhaupt, wenn sein Zweck nicht die Zeugung von Kindern war, blieben verboten.

Bezeichnenderweise gab es eine Ausnahme. Die Prostitution durfte seit der Reform von 1956 thematisiert werden. In einer kapitalistischen Gesellschaft war der Sex zum Gelderwerb offenbar weniger anstößig als der Sex zum Lustgewinn, Profit wichtiger als (körperliche) Liebe. Die Prostituierte in The Pawnbroker war somit von den Zensurregeln abgedeckt, ihr Busen war es nicht. Im Stellungskrieg gegen den Production Code gelang Shurlocks Gegnern mit den nackten Brüsten ein Raumgewinn, den es zu verteidigen galt und von dem aus sich weiter vordringen ließ.

The Deadly Affair

Man muss nicht so tun, als ob das ganz frei von finanziellen Überlegungen gewesen wäre. In den 1960ern geriet die amerikanische Filmindustrie in Turbulenzen. Das alte Studiosystem war zusammengebrochen, die erprobten Rezepte zum Anlocken der Kinogeher funktionierten nicht mehr, der Publikumsgeschmack hatte sich fortentwickelt, und in Hollywood wusste man nicht genau wohin. Von der durch überkommene Moralvorstellungen und den Production Code erzwungenen Infantilisierung des amerikanischen Films hatten die Kinogeher jedenfalls genug.

Wenn nackte Haut dabei behilflich sein konnte, das verlorene Publikum zurückzuholen, war es den Produzenten durchaus recht und zumindest einen Versuch wert. Regisseure wie Lumet waren nicht so sehr an nackten Busen als Mittel zur Umsatzsteigerung interessiert als vielmehr an einer Vergrößerung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten und einem Ausbau der künstlerischen Freiheit, was für die dringend notwendige Erneuerung unerlässlich war. Also wurde weiter am Erodieren des Production Code gearbeitet, wenn auch nicht ohne Sicherungen, denn der Kampf war noch nicht gewonnen.

Ann ist jetzt Schwedin und stammt somit aus einem Land, dessen relativ freizügige Filmproduktion - das nächste Klischee - für die Tugendwächter vor allem durch nackte Busen charakterisiert war. Da brauchte man sich über ihre Blöße nicht zu wundern. Die Ann des Films ist eine Nymphomanin (wie man damals sagte), was unter verbotene "sexuelle Perversionen" fiel, aber wenigstens wird sie mit ihrer Veranlagung nicht glücklich, statt auch noch Spaß daran zu haben. Das war dann nicht mehr ganz so schlimm. Durch Bestrafung wurde das Laster tolerierbar.

Die Nacktszenen in The Pawnbroker und The Deadly Affair sind sich sehr ähnlich. Dieses Mal ist es Smiley/Dobbs, der (aus Sicht des Publikums weniger frontal) auf die Brüste starrt und seine seelischen Verletzungen nicht mehr verbergen kann. Mit Smiley steht auch die - unausgesprochene - Frage nach seiner möglichen Impotenz mit vor dem Ehebett. Er hat gelernt, sich mit dem promisken Verhalten seiner Frau zu arrangieren, lebt jedoch in der Angst, dass sie eines Tages einem anderen Mann begegnen wird, den sie auch liebt, statt nur Sex mit ihm zu wollen.

The Deadly Affair

Diesen Mann, in der Gestalt von Maximilian Schell, kennt sie längst, und durch ihn ist sie in eine Intrige verwickelt, die zeigt, wie skrupellos Geheimdienste die Gefühle von Menschen manipulieren, wenn es ihrer Sache nützt. Paul Dehn hat da ein (auf Tinker Tailor vorausweisendes) Plotelement hinzuerfunden und doch le Carrés geheime Welt nur auf den damals aktuellen Stand gebracht, also auf den Stand nach The Spy Who Came in from the Cold, für dessen Verfilmung auch Dehn das Drehbuch geschrieben hatte. Der Zusammenhang zwischen le Carrés Werken und den Verfilmungen ist durchaus spannend. Dazu gleich mehr.

The Deadly Affair, das sei noch angemerkt, ist kein Werbefilm für Nymphomanie, Impotenz und sexuelle Ausbeutung. Die (dysfunktionale) Sexualität dient vielmehr der Charakterisierung einer (dysfunktionalen) Gesellschaft, und in diesem Fall auch ihrer Sicherheitsorgane. In der Kunst ist das oft so. Die #MeToo-Bewegten, die derzeit Filme verbieten, in den Museen Gemälde abhängen und die Kunst zur Komfortzone für gepflegte Langeweile machen wollen, weil ein alter weißer Mann junge Frauen sexuell belästigt hat, vergessen das bisweilen.

Hierarchie des Wissens

2014 kochte wieder einmal die durch Spy ausgelöste und anlässlich der BBC-Adaption von Tinker Tailor neu aufgewärmte Debatte darüber hoch, ob David Cornwell alias John le Carré Verrat an den Geheimdiensten Ihrer Majestät ganz allgemein und an John Bingham im Speziellen begangen habe oder nicht. Lord Lexden, Mitglied des Oberhauses, teilte dem Telegraph[3] mit, dass Bingham ein von seinem Protegé nicht mit dem nötigen Respekt behandelter Held gewesen sei. Le Carré antwortete tags darauf, ebenfalls per Leserbrief[4], und erklärte die Differenzen zwischen ihm und Bingham damit, dass sie zwei unterschiedlichen Generationen angehörten:

Wo Bingham glaubte, dass die unkritische Liebe zu den Geheimdiensten gleichbedeutend mit der Liebe zum Land sei bildete sich in mir die Überzeugung heraus, dass diese Liebe hinterfragt werden sollte. Und dass unsere Geheimdienste ohne diese Wachsamkeit unter gewissen Umständen genauso eine Gefahr für unsere Demokratie werden könnten wie deren vermeintliche Feinde.

Es kann durchaus sein, dass John Bingham diese Ansicht verabscheute. Ich wiederum verabscheue die Ansicht, dass unsere Spione durchweg makellos sind, allwissend und der pöbelhaften Kritik derer entzogen, die nicht nur für ihre Existenz bezahlen, sondern gelegentlich auf Grundlage zusammenfabrizierter Geheimdienstinformationen in den Krieg geführt werden.

Die Anspielung auf den zweiten Irakkrieg von Bush jun. und Tony Blair bringt uns zurück zu dem Gedanken, dass Smiley und Kollegen in einer (jetzt digitalisierten) Papierwelt leben. Letztlich könnte man für den Circus jedes andere bürokratische System einsetzen - die Verwaltung eines Versicherungskonzerns genauso wie die Geldverschiebeabteilungen von Banken und Anwaltskanzleien oder den Beamtenapparat der Ministerien mit seiner nicht einzudämmenden Vorschriftenwut und dem Hang, als Arbeitsnachweis dicke Akten (Dateien) anzulegen.

The Deadly Affair

Hübsche Ironie am Rande: In The Deadly Affair spioniert Peter Guillam als Appleby, gewissermaßen einem Tarnnamen aus kapitalistischer Notwendigkeit, weil le Carré seinen und Smileys (Klar)Namen versehentlich an die Paramount verkauft hatte. Appleby heißt auch die Kanzlei aus dem "Offshore Magic Circle", die für reiche Steuerflüchtlinge Briefkastenfirmen organisiert und durch die Paradise Papers in die Schlagzeilen[5] geriet. Die beste Einführung in das Werk le Carrés ist von Karl Marx ("Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie"). Michael Denning zitiert ihn aus gutem Grund in Cover Stories, einem empfehlenswerten Buch über den britischen Spionageroman:

Die Bürokratie gilt sich selbst als der letzte Endzweck des Staats. [...] Die Staatszwecke verwandeln sich in Bürozwecke oder die Bürozwecke in Staatszwecke. Die Bürokratie ist ein Kreis, aus dem niemand herausspringen kann. Ihre Hierarchie ist eine Hierarchie des Wissens. Die Spitze vertraut den unteren Kreisen die Einsicht ins Einzelne zu, wogegen die unteren Kreise der Spitze die Einsicht in das Allgemeine zutrauen, und so täuschen sie sich wechselseitig. […] Der allgemeine Geist der Bürokratie ist das Geheimnis, das Mysterium, innerhalb ihrer selbst durch die Hierarchie, nach außen als geschlossene Korporation bewahrt.

Geldwertes Organigramm

Legacy ist reich an entlarvenden Momenten, die man leicht überlesen kann, weil le Carré eine schlanke, auf das Notwendige reduzierte Sprache pflegt und in einer langen Karriere als Schriftsteller die Fähigkeit perfektioniert hat, Ungeheuerliches eher beiläufig zu erzählen. Im als Bibliothek getarnten Archiv des konspirativen Hauses hängt ein Organigramm des von Riemeck und Leamas hinter dem Eisernen Vorhang aufgebauten Agentennetzwerks an der Wand (Der Spion, der aus der Kälte kam), hierarchisch geordnet, mit einer Beurteilung der Produktivität der einzelnen Agenten auf einer Skala von 1 bis 10.

Control als CEO, heißt das, richtete sein Unternehmen an der kapitalistischen Gesellschaft aus (und nicht so sehr an, sagen wir, der Demokratie), die er vor den Kommunisten schützen sollte. Weil aber der Circus ein Geheimdienst war und kein Mineralölkonzern mit Tankstellennetz und von oben nach unten durchgegebenen Umsatzzielen wurde der Wert seines Produkts (Informationen) nicht an der Börse festgesetzt, sondern im Regierungsviertel, bei den für die Finanzierung zuständigen Ministerien. Mit dem Organigramm im Kopf liest man le Carrés Spionageromane anders. Dann fällt einem auf, wie oft da von Geld die Rede ist, wenn die westlichen Werte geschützt werden sollen.

Jedes Unternehmen weiß, dass man die Gewinnorientierung hübsch verpacken sollte. Der Circus, erläutert Guillam, vergab die Decknamen seiner Agenten nach Themen. Das Netzwerk im Osten hieß Mayflower, folglich erhielten die Agenten Blumennamen. Guillam versichert, dass mit Mayflower nur die Butterblume gemeint gewesen sei und nicht das Schiff (das die ersten Puritaner nach Amerika brachte). Laura hat keine Ahnung, wovon die Rede ist. Die Frau mit dem Jurastudium, die beim heutigen Geheimdienst dafür sorgen soll, dass die Skandale der Vergangenheit geräuschlos abgewickelt werden, weiß nichts von Geschichte. Das ist scheinbar nicht so wichtig.

Die Assoziation ist trotzdem da und könnte diejenigen Kritiker bestärken, die le Carré vorwerfen, dass er in seinen Romanen seit George W. Bush und Guantanamo einen nervigen Antiamerikanismus auslebt. In Legacy wird darauf selbstironisch Bezug genommen, wenn Leamas wieder einmal auf die CIA schimpft und sich Guillam fragt, ob das noch seine übliche Aversion gegen den großen Bruder jenseits des Atlantiks ist oder ob er schon die ihm von Control zugedachte Rolle spielt. Als Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten taugt das nicht. Nirgendwo steht geschrieben, dass man Menschen foltern und wie Schachfiguren behandeln muss, weil es andere so machen.

Jeder Blumenname im Organigramm ist mit einem Kreuz markiert. Laura steht verständnislos davor und will wissen, was die Plus-Zeichen zu bedeuten haben. Sie kommt aus der modernen Papierwelt 2.0, in der die Akten digitalisiert sind. Den Abstand zwischen den Bürokraten in der Zentrale und den Menschen und ihren Schicksalen, die sich hinter den Decknamen verbergen, hat das nur vergrößert. Kein Plus-Zeichen, sagt Guillam, ein Kreuz. Laura hat noch immer nicht verstanden und denkt an eine Form von Doppelspiel (double-cross). Guillam muss ihr erklären, dass die Agenten mit einem Kreuz hinter dem Blumennamen tot sind, gestorben in Ausübung ihrer Tätigkeit für den Circus und das Königreich.

Es gilt, die Toten zur Kenntnis zu nehmen und sie nicht zu vergessen. Wenn man Schuld auf sich geladen hat geht das nicht immer ohne Verdrängung ab. "Ein professioneller Nachrichtendienstoffizier", sagt Guillam auf Seite 1 des Romans, "ist menschlichen Gefühlen gegenüber so wenig immun wie der Rest der Menschheit. Worauf es für ihn ankommt ist das Ausmaß, bis zu dem er in der Lage ist, sie zu unterdrücken, ob in der Echtzeit oder, wie in meinem Fall, fünfzig Jahre danach." Dann nimmt er uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, und tief hinein in seine Gefühlswelt.

Kafka und die geheime Welt

Im konspirativen Haus stößt Guillam auf ein altes Dokument, das er selbst geschrieben hat, nach Smileys Vorgaben: "Einen definitiven Bericht bitte, überlang, reich an irrelevanten Einzelheiten und so, dass er uns die eine Information erspart, die nur Sie und vier andere Leute auf der Welt, so Gott will, je kennen werden." Wer also denkt, dass sich aus den Akten die Wirklichkeit zusammensetzen lässt wird enttäuscht. Seine Spannung bezieht der Roman daraus, dass Guillam aus dem eigenen Gedächtnis die Leerstellen für uns füllt, die Smiley in der Papierwelt mit Vorbedacht hinterlassen hat.

Le Carré leistet da auch einen Beitrag zur Erinnerungskultur, weil der Roman die Frage aufwirft, was aus einer unvollständig oder in seelenloser Bürokratensprache überlieferten Vergangenheit wird, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind - Zeugen, die wiederum von eigenen Interessen und Verletzungen gelenkt sind. Für Guillam ist das Erinnern ein sehr schmerzlicher Prozess. "Sei großzügig in den kleinen Dingen, rate ich mir selbst", denkt er sich beim Betreten des konspirativen Hauses mit den Geheimnissen der Vergangenheit. "Halt den Rest in deinem Gedächtnis eingesperrt, und wirf den Schlüssel weg."

Durchhalten lässt sich das nicht. Ob er es will oder nicht: Den Schlüssel hat Guillam immer bei sich, das Gedächtnis wird Stück für Stück entriegelt. Ganz schlimm sind die letzten Begegnungen mit Alec Leamas, seinem besten Freund. Alec fragt, was die Operation Windfall ist und Peter bleibt als pflichtbewusster Geheimagent die Antwort schuldig, weil Alec nicht zum handverlesenen Kreis der Personen gehört, die dafür die Freigabe erhalten haben. Windfall ist die von Control und Smiley ausgeklügelte Operation, in der Leamas eine Hauptrolle spielt, ohne zu wissen, dass er nur einen Teil des Planes kennt.

Peter seinerseits weiß nicht, dass Leamas von Control in einem entscheidenden Punkt getäuscht wurde und wundert sich darüber, dass Alec falsche Vorstellungen vom Ziel der Mission zu haben scheint, darf das wegen der Geheimhaltung aber nur mit seinem Vorgesetzten George Smiley besprechen und nicht mit seinem Freund. Wenn Leamas nicht alles weiß, beschwichtigt Smiley, könne er keinen falschen Schritt tun und nichts verraten. Und dann erzählt Alec von der jungen Frau, die er kennengelernt hat, und Peter darf ihm nicht sagen, dass sich Alec und Liz Gold nur treffen konnten, weil Smiley es so eingerichtet hat, im Auftrag von Control.

The Spy Who Came in from the Cold

Peter hat unter falschem Namen an der Inszenierung mitgewirkt, durch die Alec und Liz sich kennenlernten (dass daraus eine Liebesbeziehung wurde war ein für den Plan belangloser Nebeneffekt), ohne zu wissen, welche Absicht sich dahinter verbirgt. Das wissen nur Control und Smiley. Am Ende der Operation sind Liz und Alec tot, erschossen an der Berliner Mauer, weil einer von denen, die ein doppeltes Spiel trieben, mehr wusste als Control, der Mann an der Spitze des Geheimdiensts, und sich nicht an das Drehbuch hielt. Le Carré wandelt da auf Kafkas Spuren.

Der menschenverachtende Plan gelingt und geht trotzdem schief, weil die Russen ihren Maulwurf im Circus genauso schützen wollen wie die Briten ihren Doppelagenten bei der Stasi. Smiley braucht anschließend Urlaub, über Controls Gefühle weiß man nichts, und Guillam muss damit leben, dass er am Verrat an seinem besten Freund beteiligt war, weil er seine Pflicht als Spion Ihrer Majestät erfüllte. Das ist Marx’ Hierarchie des Wissens wo sie am meisten wehtut. Niemand springt aus diesem Kreis heraus. (In The Honourable Schoolboy macht Smiley, das Mastermind, die Erfahrung, dass er auch nur eine von den Schachfiguren ist.)

Liebe, Spionage und Impotenz

Wer die Filmrechte an Romanen verkauft läuft Gefahr, seine Figuren zu verlieren, weil sie neu und anders als vom Autor gedacht und womöglich von Schauspielern verkörpert werden, die sich den Charakter aneignen wie Alec Guinness den George Smiley. Mag sein, dass le Carré Smiley erst reaktivieren konnte, nachdem ihn Gary Oldman in der Kinoversion von Tinker Tailor gespielt hatte, der Agent also mit zwei ganz unterschiedlichen, die Rolle verschieden anlegenden Darstellern assoziiert wurde und somit, weil nicht mehr ausschließlich an Sir Alec gebunden, einen Teil seiner Freiheit wiedererlangt hatte.

Le Carrés Auseinandersetzung mit den Verfilmungen seiner Bücher ist durchaus produktiv. Gelegentlich, so scheint es, nützt er nachfolgende Romane, um entstandene Eindrücke, die nicht in seinem Sinne sind, zu korrigieren. Die Ann Smiley (Dobbs) in Lumets The Deadly Affair ist eine krankhafte, sich über ihr Leiden beklagende Nymphomanin und ihr Gatte so deutlich impotent, wie man es 1966 eben zeigen konnte (ein Mann mit Erektionsstörungen war noch lange nicht erlaubt, nur weil die Hollywood-Zensoren den kurzen Blick auf einen nackten Busen freigaben).

Der Smiley seines Schöpfers - mit freundlichen Grüßen an Mrs. Bingham - ist nicht impotent. In Legacy sind dezente Hinweise eingestreut, dass er Affären mit anderen Frauen gehabt haben könnte. Anns Promiskuität wird aus dem klinischen Zusammenhang gelöst und dient nicht länger der Beschreibung eines Krankheitsbildes. In der Figur der Doris Gamp, Deckname Tulip (Tulpe), hat le Carré eine Art Doppelgängerin von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs erfunden. Auch sie ist für die monogame Zweierbeziehung nicht gemacht. Die Lebensumstände der beiden Frauen könnten aber unterschiedlicher kaum sein.

Ann ist die selbstbewusste, die Privilegien der englischen Oberschicht genießende Lady. Doris ist mit einem Stasi-Mann verheiratet, arbeitet selbst auch bei der Stasi, ist permanenten sexuellen Übergriffen ausgesetzt und wagt nicht, das zur Anzeige zu bringen, weil sie die Repressionen eines patriarchalischen Systems fürchtet, insbesondere für ihren kleinen Sohn, für den sie sich eine gute Schulbildung erhofft. Von Doris ist zu lernen, dass kein Verhalten einer Frau, auch nicht die Promiskuität, eine Vergewaltigung rechtfertigt und dass der Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern eine Frau nicht zur mannstollen Schlampe macht.

Bei Doris scheint es so zu sein, dass sie sich in einer Gesellschaft, die Frauen zu Objekten degradiert, die Männer lieber selbst aussucht, mit denen sie schläft, und dass sie beim Sex (im gegenseitigen Einvernehmen, nicht bei der Vergewaltigung durch Chef und Ehemann) eine Spur jener menschlichen Wärme zu finden glaubt, die sie sonst in einer kalten Welt nicht kriegt. Das lässt umgekehrt auch Ann Smiley in einem neuen Licht erscheinen. Ich zumindest habe angefangen, Lady Ann und ihre Affären, unter denen der sie unverbrüchlich liebende George zu leiden hat, nicht mehr so eindimensional zu sehen wie früher.

Aus Doris’ Entschluss, sich gegen die Vergewaltiger zur Wehr zu setzen, wird die Opposition gegen den Staat, in diesem Fall die DDR. Sie photographiert geheime Stasiunterlagen und gibt sie an den britischen Geheimdienst weiter. Bei le Carré muss man jederzeit darauf gefasst sein, dass die für den Staat geleistete Geheimdienstarbeit ins Private umkippt, oder das Private in den Dienst am Staat (bzw. gegen ihn). In Tinker Tailor wird das auf mehreren Ebenen durchgespielt. Bill Haydon verrät den Circus und Jim Prideaux (Guillams Vorgänger als Chef der Skalpjäger), mit dem ihn außer der professionellen auch eine persönliche (und sexuelle) Beziehung verbindet.

Es ist auch symbolisch zu verstehen, wenn Jim infolge von Bills Verrat bei einer Mission zur Enttarnung des Maulwurfs in den Rücken geschossen wird. Haydon hintergeht den Berufskollegen genauso wie den Freund und Liebhaber. 1979, als die BBC die auf dem Roman basierende TV-Serie produzierte, war der Umgang mit der Homosexualität noch heikler als 2011, als Tomas Alfredson das Buch für das Kino verfilmte. Trotzdem wird der Mehrteiler dem Roman mehr gerecht als die Kinoversion.

Tinker Tailor Soldier Spy (1979)

Man kann das am Ende sehen. Das Außenministerium, dem der Circus unterstellt ist, will keinen Skandal und Haydon loswerden - im Austausch gegen möglicherweise noch lebende Agenten, die er verraten hat. In Sarratt, le Carrés fiktionalem Verhörzentrum und Ausbildungslager für Spione, wartet Haydon auf seine Ausreise nach Moskau. Prideaux weiß inzwischen, warum er in der Tschechoslowakei (im Film: Ungarn) in eine vom sowjetischen Geheimdienst gestellte Falle getappt ist, warum er angeschossen und gefoltert wurde. Er wird den Verräter töten.

Tinker Tailor Soldier Spy (2011)

Im Film erschießt Prideaux (Mark Strong) Haydon aus der Distanz, mit einem Gewehr mit Zielfernrohr. Im Roman übermittelt er ihm eine versteckte Botschaft und schleicht sich dann in das schlecht bewachte Lager. Zwischen den beiden Männern kommt es zu einem letzten Treffen (Rendezvous). Jim, der ausgebildete Killer, bricht Bill das Genick und verschwindet wieder. Der Prideaux von le Carré würde Haydon niemals erschießen. Er tötet ihn so, dass es eine letzte körperliche Berührung gibt. Es ist auch die Liebe in all ihren Formen, für die sich le Carré interessiert, und sie ist eng mit dem Verrat verknüpft.

Der schwule Ladykiller trifft die Nymphomanin

Le Carrés Bill Haydon ist bisexuell. Dieser Kunstgriff erlaubt die Verbindung des Privaten mit dem Politischen. Bill betrügt Männer mit Frauen (und umgekehrt) sowie - im übertragenen Sinne - den britischen Geheimdienst mit dem russischen und die britische Klassengesellschaft, die ihn hervorgebracht hat, mit dem Kommunismus. In Alfredsons Verfilmung wird insbesondere die sexuelle Komponente von Haydons Beziehung zu Jim Prideaux stark reduziert. Ich würde spekulieren, dass sich der Regisseur und sein Drehbuchautor nicht den Vorwurf einhandeln wollten, durch einen schwulen Landesverräter homophobe Ressentiments zu schüren.

Der Umgang mit der Homosexualität bleibt schwierig, auch im Zeitalter der politischen Korrektheit. Einspringen muss Peter Guillam (kein Verräter, einer von den Guten). Im Film gibt es eine Szene, die einen doch überrascht, wenn man das Buch gelesen hat. Die Suche nach dem Maulwurf im Circus ist in der entscheidenden Phase. Smiley warnt Guillam, dass er überwacht werden könnte. Jetzt sei ein guter Zeitpunkt, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Guillam weiß, was gemeint ist.

Tinker Tailor Soldier Spy (2011)

Er fährt nach Hause, trennt sich von seinem Partner (offenbar ein Lehrer, der gerade beim Korrigieren von Schularbeiten sitzt) und weint dann bitterlich. Guillam, in der Romanvorlage mit einer ihn gedanklich stark beschäftigenden Flötistin liiert, ist schwul geworden. Benedict Cumberbatch sagt in einem Interview[6], dass das Fehlen von Frauen etwas mit der emotionalen Zurückgebliebenheit der Charaktere zu tun habe und die Heimlichtuerei im Privatleben gut zum Spionsein passe. Das kann man so sehen, ist aber keine befriedigende Erklärung dafür, dass Guillam die sexuelle Orientierung ändert.

Im Vermächtnis der Spione rückt le Carré die Dinge zurecht. Guillam ist da wieder der unermüdliche Freund der Frauen, der er immer war. Der Agentin Tulip als Kurier zugeteilt, erlebt er eine Amour fou der besonderen Art. An wechselnden Orten hinter dem Eisernen Vorhang nimmt er Doris’ Mikrofilme mit den geheimen Stasiunterlagen entgegen. Dabei kommt es zu wortlosen, in aller Öffentlichkeit stattfindenden Begegnungen, begleitet von körpersprachlichen Signalen und kurzen Berührungen, die etwas sehr Erotisches haben.

Eine der irrsten Szenen des Romans spielt sich in einem tschechischen Hotel ab. Karl Riemeck, Kopf des Spionagenetzwerks Mayflower, wurde in Mundts Auftrag erschossen. Leamas hat Doris nach Prag gebracht. Guillam soll ihr bei der Flucht in den Westen helfen. Getarnt als französisches Ehepaar und Teilnehmer einer Wirtschaftskonferenz, verbringen Doris und Peter die erste (und letzte) gemeinsame Nacht. Guillam erlebt sechs sein weiteres Leben ändernde Stunden, eine Gefühlsexplosion mit Sex, der ebenso wild wie kontrolliert ist, weil die beiden damit rechnen müssen, dass ihr Zimmer abgehört wird und sich nicht verraten dürfen.

Sogar in dieser Situation, in der sich zwei Körper treffen, "die einander von Geburt an begehrt und die nur die Nacht zum Leben hatten", regiert der Zwang zur Geheimhaltung und zum Verschweigen der Wahrheit. Das Vorspiel zur stummen Liebesnacht im Hotel Balkan findet an einem bulgarischen Badestrand statt, wo Doris mit Mann und Kind Urlaub macht. Guillam ist wieder einmal gekommen, um einen Mikrofilm zu übernehmen und gibt sich als französischer Tourist aus. Doris löst den Gürtel des Bademantels und zeigt Guillam einen Augenblick lang ihren nackten Körper. Vor ihr steht Gustav, ihr Sohn.

In diesem Moment berühren sich Sex, Liebe, Begehren und Ideologie. Der kleine Junge, der mit kindlicher Neugier auf den Fremden blickt, ist schon dabei, von seinem Stasi-Vater und der SED indoktriniert zu werden - auch was seine Mutter angeht, deren Nacktheit er nicht sehen kann, weil er ihr den Rücken zukehrt. Der erwachsene Mann sieht eine Mutter und eine Frau, die sich vor ihm entblößt, im Beisein ihres Kindes, und genau die schamlose und unmoralische Person zu sein scheint, die man dem Jungen in den folgenden Jahren beschreiben wird.

Gleichzeitig weiß Guillam, dass es viel komplizierter ist. Bei le Carré ist alles komplizierter als es scheint. Jahrzehnte später, nach dem Fall der Mauer, sucht Guillam Tulips Sohn in Weimar auf. Gustav arbeitet als Kellner im Elephanten, dem einstigen Lieblingshotel von Adolf Hitler. Guillam bietet ihm an, über seine tote Mutter zu reden. Gustav will davon nichts wissen. Für ihn war seine Mutter eine Hure, die sich an die Engländer verkauft und das Vaterland, die Partei, die Revolution, ihren Ehemann und das (ost-)deutsche Volk verraten hat. In Guillam sieht er nur einen ihrer vielen Liebhaber.

Gustav setzt sich auf sein Rad und fährt davon. Guillam könnte ihm die Geschichte von einer Frau erzählen, die von ihrem Mann und ihrem Chef (also quasi von der Stasi in privater und in beruflicher Funktion) zum Sex gezwungen wurde und dem Staat, den die Vergewaltiger repräsentierten, deshalb den Krieg erklärte. In einer Welt nach dem Mauerfall würde diese Geschichte das Augenmerk weg vom Kampf der politischen Systeme und hin zum Patriarchat lenken, in Ost wie West, doch als Agent des Circus ist Guillam nach wie vor zur Geheimhaltung verpflichtet und schweigt. Die Wahrheit bleibt im Verborgenen.

Man muss die Geschichte kennen

Doris Gamp, Deckname Tulip, träumt von einem Leben in Schottland, mit dem sie die romantische Vorstellung von Reinheit und unberührter Natur verbindet. Von Schottland träumte 34 Jahre vor dem Erscheinen von Legacy auch Elizabeth Gold, die mit Alec Leamas an der Berliner Mauer erschossen wird. Kehren wir also noch einmal zu The Spy Who Came in from the Cold zurück, und zur Verfilmung von Martin Ritt. Liz Gold heißt dort Nan Perry. Sehr jüdisch klingt das nicht mehr. Im für die Criterion-DVD geführten Interview versucht sich le Carré an einer Erklärung.

The Spy Who Came in from the Cold

Ritt sei der Meinung gewesen, sagt er, dass die Geschichte mit einer weiteren jüdischen Figur (neben dem von Oskar Werner gespielten Fiedler, Mundts jüdischem Gegenspieler) überfrachtet worden wäre. Der Tod von Fiedler sei jetzt auf einer ideologischen Ebene schockierend, Nans Tod auf einer emotionalen Ebene. Glücklich wirkt le Carré darüber nicht. In Legacy rückt er auch das zurecht. Liz ist wieder die Tochter eines jüdischen Paares, das vor Hitler nach England geflohen ist.

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass das ein wesentlicher Grund für ihn war, so viele Jahre nach Der Spion, der aus der Kälte kam dieses Buch zu schreiben. Das Judentum von Liz Gold macht aus einem zynischen Plan Controls einen, der widerwärtig ist. Zum Verständnis le Carrés sind die jüdischen Charaktere in seinen Romanen extrem wichtig. In Spy gibt es eine Schlüsselszene, die der Autor des Drehbuchs, Paul Dehn, weiter zuspitzte (vielleicht war es auch le Carré, der auf Verlangen Richard Burtons dessen Dialoge überarbeitete). Liz und Alec unterhalten sich darüber, woran sie glauben.

"Ich glaube, dass mich der 7er-Bus nach Hammersmith bringt", sagt Alec. "Ich glaube nicht, dass er vom Heiligen Nikolaus gesteuert wird." Auch Liz glaubt nicht an Gott, wohl aber an die Geschichte. Wie üblich ist das mehrdeutig. Als dem Holocaust entkommene Juden glauben Liz’ Eltern an den Kommunismus, weil das aus ihrer Sicht der einzige -ismus war, der den Nationalsozialisten die Stirn geboten hat. Liz hat das übernommen und um den Glauben an die Friedensbewegung und ein Moskau ergänzt, das die nukleare Abrüstung will (worüber Leamas nur lachen kann).

Als Kommunistin glaubt Liz außerdem an die historische Notwendigkeit der Revolution, eines Umsturzes der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse in der kapitalistischen Welt. Und der Autor John le Carré glaubt, dass man heute nur richtig und verantwortlich handeln kann, wenn man die Geschichte kennt und nicht vergisst, was gestern war. Das ist ganz eng mit dem Dritten Reich verknüpft. Im Criterion-Interview von 2008 zeigt er sich davon beeindruckt, wie das heutige Deutschland mit seiner Vergangenheit umgehe. Seitdem hat sich einiges getan. Ein guter Grund, Das Vermächtnis der Spione zu lesen.

Verschwundene Juden

Der junge David Cornwell machte einige prägende Erfahrungen, die widersprüchlicher kaum sein konnten. Sein Vater Ronnie, ein Hochstapler und Bankrotteur (verewigt als der Vater von Magnus Pym in A Perfect Spy, seinem autobiographischsten Roman), stellte die aus Nazi-Deutschland geflohene Annaliese Lieschwitz als Kindermädchen ein. Die junge und schöne Annaliese, die vielleicht auch Ronnies Geliebte war, brachte David und seinem Bruder die ersten deutschen Sätze bei. Daraus entwickelte sich Davids Liebe zur deutschen Sprache und zur deutschen Literatur, die George Smiley mit ihm teilt.

1945 schickte ihn Ronnie auf das altehrwürdige Sherborne-Internat in Dorset (Vorbild für die Schule im zweiten Smiley-Roman, A Murder of Quality). Davids Deutschlehrer, Frank King, wurde nicht müde, die Schüler darauf hinzuweisen, dass es noch ein anderes Deutschland gab, "ein anständiges Deutschland, weit entfernt von dem, das wir zu kennen glaubten, und das sei das Deutschland, das wir erkunden könnten, sobald wir seine Sprache verstanden". Bei David Cornwell fiel das auf fruchtbaren Boden. "Nichts, das ich in meinem Leben geschrieben habe, ist frei von den deutschen Einflüssen meiner Jugend", bekannte er 2010 anlässlich einer Konferenz mit dem Titel "Think German".

Eine unkritische Liebe zu seiner "zweiten Heimat" Deutschland wurde daraus nicht. Nach einem Studienjahr in Bern, in dem er fließend Deutsch lernte (damals noch mit Schweizer Akzent) überquerte er im Sommer 1949 zum ersten Mal die Grenze. Er besuchte das zerstörte und geteilte Berlin, das im Krieg zerstörte Ruhrgebiet und das von seinen Landsleuten befreite KZ Bergen-Belsen, das für viele Briten durch die Berichte der Befreier und dort gedrehtes, in den Kinos gezeigtes Dokumentarmaterial zum Synonym für die Nazi-Gräuel wurde (Auschwitz war irgendwo weit weg in Polen, gehörte zum russischen Herrschaftsbereich und wurde im Westen erst viel später zur Kenntnis genommen).

Ob einem 1949 in Bergen-Belsen tatsächlich noch der Leichengeruch in die Nase stieg, oder ob das eine das Erlebnis dramatisierende Übertreibung des le-Carré-Biographen Sisman ist, weiß ich nicht. So bald nach dem Holocaust dürfte es jedenfalls eine Erfahrung gewesen sein, die man sich als Nachgeborener wahrscheinlich selbst unter dem Einsatz größter Phantasie nicht wirklich vorstellen kann. In der Schweiz, wo er im Winter 1950/51 als Skilehrer arbeitete, lernte David Cornwell eine ehemalige Résistance-Kämpferin kennen, die das letzte Jahr des Krieges in einem Konzentrationslager verbracht hatte.

Im KZ hatte man der Frau das Haar geschoren, es war nie mehr richtig nachgewachsen. In le Carrés erstem Roman, Call for the Dead, taucht die Résistance-Kämpferin als die Jüdin Elsa Fennan wieder auf, eine schwer gezeichnete Überlebende der Vernichtungslager. Ihre Verbitterung erklärt sie unter anderem damit, dass sie in einem Lager für Displaced Persons außerhalb von Dresden miterleben musste, wie der "fürchterliche, plumpe Stolz" der Täter wiederkehrte, wie zu den alten Rhythmen marschiert wurde und sie in der Zeitung dieselben Namen lesen musste, die ihr als Kind Angst eingejagt hatten.

The Deadly Affair

Fast möchte man meinen, dass le Carré Dresden im Angedenken an die pöbelnden Pegida-Sachsen genommen hat, aber das ist ja ein Buch von 1961, als gerade erst die Mauer gebaut wurde, die aus den Köpfen mancher Leute nicht mehr wegzukriegen ist. In der Verfilmung von 1966, The Deadly Affair, zeigt Simone Signoret Mut zur Hässlichkeit. Sie trägt die unansehnlichste Perücke, die sie finden konnte. Darunter verbirgt Elsa Fennan ihren kahlen Schädel, die Folge des Martyriums im Lager. Ihr Mann Samuel hat seinen Namen behalten, aber er ist kein jüdischer Emigrant mehr.

Inspektor Mendel, Smileys Freund bei der Polizei, hat nur im Roman einen jüdischen Vater. Mendel sen. habe kein großes Aufheben davon gemacht, sagt der Inspektor, und er scheint es auch so zu halten. Aber dann liest er in der Zeitung einen Artikel über antisemitische Ausschreitungen in Deutschland. "Krauts. Verdammte Krauts. Gott, wie ich sie hasse!", knurrt er. Smiley erschrickt über seine Vehemenz. "Verdammte Deutsche", fährt Mendel fort. […] Wieder Juden rumstoßen." Es folgt ein Dialog über die deutsche Wiederbewaffnung und darüber, wie schnell alles vergessen war, was Mendel für einen Fehler hält. "Was also tun?", fragt Smiley. Mendel weiß darauf keine Antwort. Smiley offenbar auch nicht.

Völkerverhetzende Wirkung

Nichts davon hat es in den Film geschafft. Ob nach Martin Ritt auch Sidney Lumet der Meinung war, dass man es mit dem jüdischen Hintergrund der Figuren nicht übertreiben sollte? Oder waren es doch die Produzenten, die nicht zu viele Juden haben wollten, weil das schlecht für die Geschäfte war? Das ist sehr wohl möglich. Als Ely Landau Geldgeber für The Pawnbroker suchte zeigten sich einige der großen Studios interessiert, wollten aber den Holocaust und das Vernichtungslager weglassen, oder der Pfandleiher sollte kein Jude mehr sein, und am besten beides. Nazis gingen immer. Ihre jüdischen Opfer galten als Kassengift.

"Samuel Fennan. In ihm trafen sich die alte und die neue Welt", heißt es im Roman. "Der ewige Jude, kultiviert, kosmopolitisch, selbstbestimmt, fleißig, scharfsinnig: für Smiley ungemein anziehend. Ein Kind seines Jahrhunderts […]." Anziehend finden das nicht alle. Fennan hat die irritierende Eigenschaft, dass er bestimmte Dinge nicht vergessen kann (bzw. will) und ihm die Fähigkeit zum zweckdienlichen Gedächtnisverlust nicht gegeben ist.

Seine Karriere im Außenministerium hat eine Delle, weil er sich, als Jude und Verfolgter des NS-Regimes, für ein geteiltes und damit weniger bedrohliches Deutschland aussprach. Das brachte das Ministerium in Verlegenheit, Fennan wurde in die Asien-Abteilung versetzt. Deutschland (West) ist nicht mehr der Feind, sondern ein Verbündeter im Kalten Krieg. Erinnerungen an die Nazi-Vergangenheit sind unerwünscht. Da ist es wieder, dieses Mal bei den Diplomaten: das schnelle Vergessen, das Mendel ärgert. 16 Jahre nach der Befreiung von Bergen-Belsen durch britische Truppen.

Vergessen wollte man auch bei der FSK, die damals Vergangenheitsbewältigung nach Adenauer-Art betrieb. Die zur Filmprüfung und freiwilligen Selbstkontrolle antretenden Honoratioren attestierten gern mal eine "völkerverhetzende Wirkung", wenn die Verbrechen des Dritten Reichs (und deren Opfer) zur Sprache kamen, oder die für die Rüstungsindustrie sehr lukrative Wiederbewaffnung. Solche politisch motivierten Einwände von anonym bleibenden Gerichtspräsidenten und Oberamtsräten führten zu Schnittauflagen, ungünstigen Altersfreigaben oder sogar Verboten. Und das war teuer.

Roma, città aperta

In Rom - offene Stadt (1945) foltern die deutschen Besatzer einen kommunistischen Partisanen. 1950 verweigerte die FSK die Freigabe (man fragt sich, was die Herren, die das mit einer Gefahr für die europäische Völkerverständigung begründeten, bis 1945 so gemacht hatten). In der BRD öffentlich aufgeführt werden durfte Rossellinis Meisterwerk erst 1961, nachdem in der Synchronfassung aus dem Kommunisten ein Atheist geworden war und nicht mehr - wie im Original - die Deutschen Rom besetzten, sondern "Nazis" (scheinbar eine dubiose Sekte, die 1933 in Deutschland gelandet und nach dem Krieg zu ihrem Heimatplaneten zurückgeflogen war).

Die Folterszene war verschwunden. Dafür gab es einen Vorspann, mit dem versichert wurde, dass der Film nicht gegen das deutsche Volk gerichtet sei und keineswegs "den deutschen Soldaten" anklage (auf dessen Leistungen wir jetzt endlich stolz sein wollen, wenn ich den Co-Vorsitzenden der Alternative für Deutschland richtig verstanden habe). Fälle wie der von Roma, città aperta sind relativ gut dokumentiert. Es gibt schriftlich formulierte Schnittauflagen und Verbotsbegründungen. Man kann das Original mit der deutschen Verleihfassung vergleichen.

Wer als Erwachsener gern Filme ohne von der FSK erzwungene Kürzungen sehen will greift bei Rossellini besser zur War Trilogy des Bfi. Die Arthaus-DVD von Offene Stadt ist noch immer unvollständig, was auch ein schöner Beitrag zum Thema "Stolz auf die Leistungen des deutschen Soldaten" ist. Gut für die europäische Völkerverständigung ist es sowieso. Die Italiener sind bestimmt sehr erfreut darüber, dass wir das Meisterwerk eines ihrer größten Regisseure noch immer zensuriert sehen. Wer möchte, dass das so bleibt, muss nicht mal AfD wählen. Das haben die etablierten Parteien dank ihrer gesetzgeberischen Bemühungen zum Schutz der Jugend ganz allein geschafft.

Verschwörungstheorie mit FSK

Am wirkungsvollsten und am schwersten festzustellen ist die Zensur da, wo die Zensoren gar nicht erst eingreifen müssen, weil es ihnen durch vorauseilenden Gehorsam abgenommen wurde. Das gibt es öfter, als der nichts Böses ahnende Zuschauer denkt, denn es spart Zeit und Geld. Bei ihrem Kampf gegen Schund und Schmutz und Völkerverhetzung hatte die FSK ein Geheimhaltungsbedürfnis wie der Circus beim Abwehren des Kommunismus. Unter Produzenten aber sprach sich natürlich herum, was verboten wurde und was erlaubt.

So war in den 1950ern und 1960ern allgemein bekannt, dass die FSK die Sexualmoral der Adenauerzeit durchsetzen wollte. Das als Warnung an "Marlene Dietrich" und die anderen schwulen Spione bei le Carré: Homosexualität war in deutschen Kinos nur gestattet, wenn ein Film dagegen war. Zuwiderhandlungen wurden - per Beschluss des Hauptausschusses der FSK von 1957 - durch das "sittliche Empfinden des Volkes" abgelehnt. Stein des Anstoßes war Veit Harlans Anders als du und ich, dem die Prüfer in einer homophoben Überreaktion unterstellten, dass er für die Homosexualität werben wolle (was ganz falsch ist).

Auch die Aversion der FSK gegen unangenehme Sachen aus den zwölf braunen Jahren sowie gegen Filmfiguren, die Probleme mit dem gnädigen Vergessen hatten, war für Produzenten kein Geheimnis (das deutsche Publikum erfuhr davon in der Regel nichts, weil das zu unerwünschten Diskussionen über Dinge hätte führen können, die man lieber totschwieg). Ob und wie sich das auf die Filmproduktion auswirkte, und zwar bereits in der Vorbereitungsphase, wäre eine genauere Untersuchung wert. Da es sie nicht gibt ist man auf Spekulationen angewiesen.

Man kann zumindest ein paar Beobachtungen machen und Schlüsse daraus ziehen. Interessant ist ein Blick auf die Besetzungsliste von The Deadly Affair: James Mason, Simone Signoret, Maximilian Schell und dazu eine Riege von britischen Charakterdarstellern wie Harry Andrews und Robert Flemyng. Aus europäischer Perspektive ist das mehr als respektabel. Doch nachdem Candice Bergen als Ann Smiley/Dobbs abgesagt hatte und durch die Schwedin Harriet Andersson ersetzt worden war fehlte der US-Star, den amerikanische Kinobesitzer von einem solchen Film verlangten.

Dadurch wurde der europäische Markt, auf den die Produzenten ausweislich der internationalen Besetzung spekulierten, noch wichtiger. Die meisten Zuschauer gab es in Deutschland. Das ist kein Beleg dafür, dass schon bei der Abfassung des Drehbuchs und der Charakterisierung der Figuren auf deutsche Befindlichkeiten Rücksicht genommen wurde. Andererseits würde ich mich sehr über einen Produzenten wundern, der sein Geld wiedersehen will und das nicht beachtet.

Trevor Howard; Claire Bloom mit Charlie Chaplin in Limelight

Bei The Spy Who Came in from the Cold war es so ähnlich. Le Carré wünschte sich Trevor Howard (Major Calloway in The Third Man) als Alec Leamas. Die Produzenten wollten Burt Lancaster. Als das nicht klappte verpflichteten sie Richard Burton. Burton war ein in den USA gut verkäuflicher Star und mit Liz Taylor verheiratet, aber zum Amerikaner wurde er dadurch nicht. Auch die Produzenten scheinen an den Dritten Mann gedacht zu haben, als sie die weibliche Hauptrolle mit Claire Bloom besetzten, die 1952 in Carol Reeds The Man Between an der Seite von James Mason (als Mann mit NS-Vergangenheit) gespielt hatte.

Gefährlicher Urlaub (deutscher Verleihtitel) war als eine Art Nachfolgefilm zu The Third Man konzipiert, mit Berlin anstelle von Wien, und erzählt eine düstere Spionagegeschichte, die fast von John le Carré sein könnte. Mit der von Charlie Chaplin (Limelight) für die Leinwand entdeckten, in Nordlondon geborenen Claire Bloom ließ sich das für die Vermarktung so wichtige Nationalitätenproblem aber auch nicht lösen. Besser vertreten war der deutschsprachige Raum, mit Oskar Werner und Peter van Eyck. Wer als Produzent den deutschen Markt aus dem Blick verlor war selber schuld.

Kommunisten, adelige Ladies und Filmdiven

Oder es war doch ganz anders. Vielleicht wollte Lumet so bald nach The Pawnbroker nicht gleich wieder einen Film drehen, der das Post-Holocaust-Thema nach vorne rückte. Martin Ritt, Sohn jüdischer Einwanderer, hatte in McCarthys Amerika fünf Jahre lang auf der Schwarzen Liste gestanden und kämpfte le Carrés Eindruck nach mit seiner enttäuschten Liebe zum Kommunismus. Mag sein, dass er sich ganz auf den Konflikt zwischen West und Ost konzentrieren wollte, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, und die jüdische Herkunft von Leamas’ Freundin strich, um nicht von ihren politischen Überzeugungen abzulenken.

Eine der allseits beliebten Hollywood-Anekdoten gibt es auch. Claire Bloom war 22, als sie mit dem fünf Jahre älteren Richard Burton in einer Hamlet-Inszenierung auf der Bühne stand. Außerhalb des Theaters, im echten Leben, wurde Ophelia von Hamlet entjungfert. Anschließend hatten die beiden eine Teilzeitaffäre, die erst endete, als sie 1958 in Look Back in Anger das Liebespaar spielten und Claire Richard mit Susan Strasberg in flagranti erwischte. Claire sagte hinterher, sie seien in "sexueller Animosität" auseinander gegangen. Spy sieht man das noch an.

The Spy Who Came in from the Cold

Claire Bloom wirkt wild entschlossen, sich vom Shakespeare-Tragöden Richard Burton nicht in die Ecke spielen zu lassen. Sie ist ihm stets gewachsen und immer sehr präsent. Zur scheuen und unsicheren, sich ihrer Attraktivität nicht bewussten Romanfigur passt das eher nicht, aber dem Film tut es gut, weil ihm Claire Bloom das "weibliche emotionale Zentrum" (le Carré) gibt, das er braucht. Mit der von le Carré vorgeschlagenen Rita Tushingham (zu wenig glamourös für die Produzenten) wäre Spy ein anderer, aber nicht notwendigerweise besserer Film geworden.

Liz Taylor wusste von der Liaison ihres Gatten mit Claire Bloom, befürchtete ein Entflammen der alten Leidenschaft und wich Richard bei den Dreharbeiten nicht von der Seite. Die Eifersucht der von einer 17-köpfigen Entourage begleiteten Diva s