Reconstruction Time again: Songs von Depeche Mode

Das erste Mal, das die Anfang 1980 in Basildon (Essex) nordöstlich von London gegründete Band unter diesem Namen auftrat, war laut ihrem Haupt-Songwriter Martin Gore im Mai 1980, bei einem Schulkonzert. Damals waren ihre Mitglieder jugendlichkeitsbedingt noch richtige knubblige Popperbübchen mit aufgestellten Haaren und nicht ganz reiner Haut, die elektronische Musikinstrumente, damals etwas relativ Neues, zirpen und quietschen und tappen und tuschen ließen. Heute gehen die Herren auf ihren 60er zu: Sänger Dave Gahan ist 51, Gore 52 und Andrew Fletcher, der gescheitelte Herumsteher, der mehr organisiert und bandintern vermittelt als Instrumente spielt, ebenfalls 52.

Wir wollen den hervorragenden Klangarchitekten und Arrangeur Alan Wilder, der Anfang 1982 dazustieß und 1995 im Streit schied, um sein sperrig-avantgardistisch-bombastisches, leider nie massentaugliches Elektroprojekt "Recoil" zu betreiben, nicht vergessen. Vince Clarke wiederum, der DM als Songwriter mitbegründet hatte und bei Vorläuferbands wie "No Romance in China" und "Composition of Sound" sang, hatte DM gleich Ende 1981, kurz nach Erscheinen des ersten Albums "Speak & Spell", verlassen und Bands wie "Yazoo" und "Erasure" gegründet.

Clarkes früher Abgang hat der Zukunft der Band gutgetan und vermutlich verhindert, dass sie in ein Meer aus warmem Bubble-Gum-Pop abtrieb - wenngleich das anfangs ja auch noch ganz lustig war, es war halt damals halt etwas Neues.

Aus dem seitherigen Schaffen von DM, das 13 Alben und Dutzende Singles und Nebenprojekte umfasst, muss man Groß-Songs wie "Everything counts", People are People", "Black Celebration", "Stripped", "Enjoy the Silence", "In Your Room" oder "Nothing's Impossible" gar nicht hervorheben, und die derzeit allerorten wiederkehrenden Mantras, wie sehr sich doch DM von belächelten Teenie-Plastikpoppern zu einer der bedeutendsten, einflussreichsten Formationen der Popgeschichte entwickelt haben, überlassen wir anderen zum Rezitativ.

"Die Presse" hat stattdessen einige meist sehr alte, teils einfach bloß seltener aufgeführte und gehörte Perlen aus dem Klangmeer jener Herren, die diverse Alkohol- und Drogenexzesse, Herzstillstände, Depressionsattacken und wüste Trennungen überstanden haben, herausgefischt. Wir hoffen in aller Bescheidenheit, dass einige davon vielleicht auch für manchen Kenner neu, zumindest aber vergessen oder gar verdrängt sind. >Enjoy Mode.

Photographic (1981)

Das erste Album "Speak & Spell" (Oktober 1981) wird zwar von einem vorwiegend leichten, tanzbaren, mithin kindisch piepsenden Klangbild durchzogen, das vor allem auf den damals noch amtierenden Songwriter Vince Clarke zurückgeht. Dennoch schimmern bei Stücken wie "Photographic" schon erste Trübungen durch, an denen sich Gahans noch unerprobte Spätpubertätsstimme zwar etwas brüchig im Ton, doch geschmeidig vorbeischlängelt. Bemerkenswert sind der hypnotische Beat und die ebensolchen Melodien, die zu rötlich verschmierten Sonnenaufgängen über dem Meer beim Lagerfeuer genauso passen wie zu kunstnebel- und sexualhormongefüllten 80er-Jahre-Kellerlokalen. 

A white house, a white room

The program of today

Lights on, switch on

Your eyes are far away (…) 

I take pictures

Photographic pictures

Bright light, dark room

The right light, dark room

Tora! Tora! Tora! (1981)

Dieses Stück ist eines von zwei auf "Speak & Spell", die von Martin Gore geschrieben wurden. Es ist klanglich und vom Text her bizarr, mysteriös und stellenweise unheimlich, eine Fahrt durch einen Tunnel, der wasweißichwohin führt. Ja, Titel und Refrain stammen von jenem japanischen Funkspruch beim Angriff auf Pearl Harbor, der an sich "Torpedoangriff!" bedeutete, aber auch als "Tiger" verstanden werden kann - und tatsächlich regnet im Song auch irgendwas vom Himmel und explodiert, aber was, bleibt verschlossen. Na ja, DM haben damals eben noch herumexperimentiert wie Kunststudenten. 

They were raining from the sky

Exploding in my heart

Is this the love in disguise

Or just a form of modern art?

From the skies you could almost hear them cry

"Tora! Tora! Tora!"

In the town they were going down

Tora! Tora! Tora!

Ice Machine (1981)

Das war die B-Side der Debutsingle von DM, "Dreaming of Me", vom Februar 1981. Das wunderhübsche Stück über Liebe und wie sie zerbricht in den Ruinen des postindustriellen Englands war über viele Jahre praktisch verschollen, bis es auf Re-Releases von "Speak & Spell" wieder auftauchte. Clarke, der es schrieb, hatte mit der durchgehenden, überraschend trübsinnigen Melodie ein gutes Händchen, Gahan tat sich indes mit dem Singen noch schwer, er presste zu sehr. War ja auch keine leichte Geburt.

Running through my head secretly

The shouts of the boys in the factory

I ring you on the telephone silently

Like blood, like the wine in the darkroom scene

Leave in Silence (1982)

Das zugrundeliegende Album "A Broken Frame" (September 1982) entstand nach Clarkes Abgang und wurde von Martin Gore komponiert. Alan Wilder, ein klassisch ausgebildeter Musiker (der einzige der Band), war zwar Anfang 1982 angeheuert worden, wirkte aber dabei noch nicht mit, sondern nur als Tourmusiker.

Dieses zweite Album gilt zwar als flach und spröde, ja langweilig. Martin Gore, der Mann mit der fatalen Neigung zu dümmlichen Frisuren und ebensolchen Kopfbedeckungen, hieß es "unser schlechtestes Album". Keinem Song war Erfolg beschieden, ab 1986 wurde 20 Jahre lang auf Konzerten überhaupt kein Stück dieser  Platte aufgeführt - bis 2006 in Paris "Leave In Silence" wiedererklang.

Dennoch wird das Album unterbewertet: Obwohl einige Stücke wie "The Meaning of Love" noch lustige Frohsinnszuckerl sind leitet es die "dunkle Phase" von DM ein und taugt ideal für neblige, langweilige Sonntagnachmittage oder Fahrten auf regennassen Bundesstraßen. Das Lied "Leave In Silence" ist ein würdiger Begleiter für verstimmte Momente oder Phasen, in denen man Kraft für einen Anlauf sammeln möchte. Natürlich geht es um ein Beziehungsende. Das zugehörige Video indes wirkt wie aus dem Teletubbieland verstoßen oder als Bewerbungsbrief für die Klapsmühle.

What can I say,

I don't want to play, any more.

What can I say,

I'm heading for the door.

I can't stand this emotional violence.

Leave in silence

Leave in silence.

Nothing to fear (1982)

Ein wunderbares, feines, geschmeidiges und in sich ruhendes Instrumentalstück des zweiten Albums, das eigenartige Wirkung hat: Einerseits erzeugt es positive, zuversichtliche Laune, es taugt ideal zur Vorbereitung auf große Ereignisse wie die Matura (Autorenerfahrung!), Prüfungen an Universitäten oder Vorstellungsgespräche, birgt aber in sich einen Keim an vorauseilender Melancholie: Wird dieses Ereignis positiv überstanden, dann ist nichts mehr so wie jetzt, dann kommt ein Abschied und ein neuer Anfang, ein neues weites Land des Lebens - und das verheißt nicht nur Gutes.

The Sun and the Rainfall (1982)

Auf gewisse Weise ist das abschließende Stück von Album zwei die atmosphärische Fortsetzung von "Nothing to fear" mit Gesang. Es geht wieder um Dinge, die sich ändern oder die man ändern muss, um damit verbundene Schmerzen, Beschädigungen und deren Vorhersehbarkeit. Es geht um das Leben, und dass es immer irgendwie weitergeht. Unter Qualen.

Things must change.

We must re-arrange them

Or we'll have to estrange them.

All that I'm saying

A game's not worth playing

Over and over again.

Pipeline (1983)

"Pipeline" stammt von Album Nummer 3, "Construction Time Again" (August 1983), ist einer der experimentellsten Songs von DM und macht das Industriezeitalter hörbar. Die Bandmitglieder gingen für diesen Song auf stillgelegte Rangierbahnhöfe und sammelten Rohre sowie Schrott zusammen, um den unverkennbaren Metall-Sound herzustellen. "Wir sampelten den Klang der Welt", sagte Musikproduzent Gareth Jones über den Song. Mute-Records-Gründer Daniel Miller sagte: "Wir hämmerten, donnerten, kratzten, zerrten und bliesen auf und in alles, um interessante Geräusche zu machen". Gegen Ende des Lieds kann man sogar Züge fahren hören. Gesungen hat Martin Gore. Aber mal ehrlich: Hauptdarsteller ist eigentlich der im Hintergrund hörbare springende Tischtennisball!

Let the beads of sweat flow

Until the ends have met though

Could take a long time

Working on the pipeline

Taking from the greedy

Giving to the needy

Two Minute Warning (1983)

Das Cover des Albums "Construction Time Again" - es zeigt einen muskulösen Mann, der einen Vorschlaghammer schwingt, im Hintergrund das Matterhorn - nimmt einiges an der Ästhetik der späteren deutschen Metal-Band "Rammstein" vorweg. In dieses Album hatte sich Alan Wilder nun massiv eingebracht, vor allem mit Geräten, mit denen sich Geräusche einfangen und als Samples verwerten ließen, so wie besonders deutlich bei "Pipeline" - aber auch sonst wird die Platte in dicken Schichten aus importierten Klängen, denen kein herkömmliches Instrument zugrundeliegt, gebildet, und leitet die Industrialphase von DM ein. Thematisch geht es vor allem um Armut, Wirtschaft, Gier, Kapitalismus und Umwelt, wenngleich das anhand der verkorksten Texte oft nur in Bruchstücken erkennbar ist.

"Two Minute Warning" stammt aus der Feder von Wilder und besteht im Wesentlichen aus einem eingängigen Rhythmus mit wuchtigem Bassgewummere und Eisenhammergehämmere, durch das sich eine packende Gesangsmelodie zieht, die auf atemberaubende Weise in den Refrain übergeht. In einigen Passagen bahnt sich Dave Gahans spätere raue Stimme an. Der Text ist extrem kryptisch, doch man hört sowieso vor allem auf den Klang.

Two minute warning

Two minutes later

When time has come

My days are numbered

Get the Balance Right (1983)

Dieses Stück war bereits lange vor Album Nr. 3, im Jänner 1983, erschienen, und zwar als Single; es wurde erst in spätere Kompilationen aufgenommen. Der Song ist relativ einfach geschnitzt, aber eingängig, geschmeidig, gut tanzbar und melodisch extrem ansprechend, und doch mit einer kritischen Aussage: Es geht um die fast unlösbare Aufgabe des "richtigen" Lebens, und wie man von Kindheit an als Mensch mit eigenen Wünschen und Vorstellungen in jene Mühle kommt, in der man zwischen anderen Menschen (und Institutionen) wie Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Politikern, Behörden, Moralaposteln, politisch Korrekten und allerhand weiteren sozial-idologischen Wichtigtuern und Vorschriftenmachern zerrieben wird - und dass man es nie allen Recht machen kann, was aber auch nicht so wichtig ist.

Insgesamt ein schönes Stück New Wave, das mit der Zeit immer besser wird. Das entzückende Video dazu ist selbsterklärend und mit einem Hauch von "1984" versehen.

When you think you've got a hold of it all

You haven't got a hold it all

When you reach the top get ready to drop

Prepare yourself for the fall

Your're gonna fall

It's almost predictable

Almost

Get the balance right

Get the balance right

Lie To Me (1984)

Das vierte Album "Some Great Reward" (September 1984) bleibt dem über weite Strecken hämmernden Industrial-Wave treu und trägt mit "People Are People", "Blasphemous Rumours", "Somebody" und "Master and Servant" vier gewaltige Klassiker des Synthiepops. Daneben schlummert auch einer der schönsten Lovesongs der Band: "Lie To Me", ein gepflegt und unaufhaltsam rhythmisch dahinwanderndes Stück, handelt von den vielen Halbwahrheiten, die Liebende einander erzählen.

So Lie to Me

But do it with sincerity

Make me listen just for a minute

Make me think

There's some truth in it

So lie to me

Like they do it in the factory

Make me think

That at the end of the day

Some great reward

Will be coming my way

Stories of Old (1984)

"Some Great Reward" war damals für viele eine Art Erweckungserlebnis, Songs wie "People are People" überfuhren einen wie ein Güterzug und waren von dem Zeitpunkt an nicht mehr wegzudenken, zumal das gesamte Album wie aus einem Guss wirkt. Ab diesem Album, aus dem jede Art fröhlicher Verspieltheit großteils verflogen war, war man entweder zu diesen vermeintlichen Teeniepoppern hingezogen oder legte im Partykeller halt weiter verschwitzte Gitarrenrocksachen von Bruce Springsteen, den Dire Streits oder Santana auf.

Der Song hat eine der ausgefeiltesten Melodien ever und ist ein enorm eingängiger, dahinschwebender Ohrwurm. Dazu ist der Text leicht zugänglich und nachvollziehbar: In zu vielen Fällen haben zu viele Kompromisse Beziehungen zerstört, also sollte man von Anfang an nichts opfern. Weisheiten wie diese wurden und werden selten gern vernommen (vor allem nicht von triebgesteuerten Verliebten), und das erklärt so manches in den Beziehungsrealitäten.

Take a look at unselected cases

You'll find love has been wrecked

By both sides compromising

Amounting to a disastrous effect

You hear stories of old

Of princes bold

With riches untold

Happy souls

Casting all aside

To take some bride

To have the girl of their dreams

At their side

But not me

I couldn't do that

Not me

I'm not like that

I couldn't sacrifice

Anything at all

To love

Leider lässt sich kein originales Band-Video auftreiben, also ausnahmsweise ein Fan-Tribute, der die Idee des Songs sehr gut rüberbringt:

If you want (1984)

Wieder ein schnell dahintreibendes, wuchtiges Stück, aus der Feder von Alan Wilder, den man als "Song Director" von DM bezeichnen kann. Gahans Gesang ist irgendwie verschwörerisch-gemein, und gekonnt in ein industrielles Umfeld mit überraschenden Wendungen und Soundeffekten gewoben.

Exercise your basic right

We could build a building site

From the bricks of shame is built the hope

If you want to be with me

If you want to be with me

Even though you may still not want to

Here is the House (1986)

Tja, und dann kam also "Black Celebration", das war im März 1986. DM hatten im Grunde das Vorgängeralbum konsequent weitergedacht und waren tief in der Düsternis, in der Melancholie, im industriellen Dark Wave und der schwarzen Romantik gelandet, man kann Berührungspunkte zu gepflegtem Gothic nicht dementieren. Black Celebration kann vertretbar als bestes Album von DM bezeichnet werden (als echter Zeitgenosse kann man das sagen) und war jedenfalls eines der popkulturellen Hauptwerke der 80er-Jahre, zumal es wie ein Konzeptalbum klingt.

Die Zahl der Nächte, in denen ich diese Scheibe mindestens einmal abspielte, ist unergründlich, und die Nächte rochen nach Zigaretten, Lederjacken, Benzin, Asphalt, Autoinnenräumen (VW Käfer!) - und manchmal, wenn man Glück hatte, nach Lippenstift und Frauenhaar.

Man muss sich über die Bedeutung von Black Celebration nicht weiter verbreitern, zumal Widerspruch zwecklos ist (Achtung, Ironie). "Here is the House" von Martin Gore ist jedenfalls einer der leichteren Songs und gleitet etwas verspielt, feinziseliert und von Soundeffekten, etwa Eiswürfelgeklimper, begleitet locker über die polierte kohlschwarze Oberfläche des Albums, wobei das Uhrwerkgeticke, in das die Songstruktur gebettet ist, wie ein Antrieb wirkt. Es ist ein schönes Stück Musik, noch dazu ein Liebeslied - und zur Abwechslung eines von der weniger schweren Sorte, bei dem keine Probleme wie Steine von der Decke fallen. Zwar gebe es "so vieles zu gestehen", heißt es, aber man muss eigentlich nicht alles wissen, und Schweigen ist Gold.

Here is the house

Where it all happens

Those tender moments

Under this roof

Body and soul come together

As we come closer together

And as it happens

It happens here

In this house

New Dress (1986)

"New Dress" ist wohl einer der politischsten Songs der Band. Die schöne Kleider tragende Prinzessin Di wird dem Elend der Welt gegenübergestellt:

"Jet airliner shot from sky

Famine horror, millions die

Earthquake terror figures rise

Princess Di is wearing a new dress"

"Dieses Lied bedauere ich, geschrieben zu haben", sagte Songwriter Martin Gore 1995 in einem Interview mit dem "Q Magazine". "Ich werfe in dem Lied der Princess of Wales ziemlich unverblümt vor, in völliger Ignoranz nur schöne neue Kleider spazieren zu führen, während um sie herum das Land im Chaos versinkt. Damals wusste ich wenig von ihrem sozialen Engagement. (...) Ich wusste gar nichts von ihr. Ich habe ihr mit New Dress zutiefst Unrecht getan."

Dennoch zählt der folgende Refrain zu den eingängigsten und optimistischsten in der Band-Geschichte - und ist dazu von einer paradoxen Logik getragen:

"You can’t change the world

But you can change the facts

And when you change the facts

You change points of view

If you change points of view

You may change a vote

And when you change a vote

You may change the world"

But not tonight (1986)

Das war die B-Side zum Megahit "Stripped", der bereits im Februar 1986 als Single erschienen war, und hat im Ton mit dem Album Black Celebration an sich gar nichts zu tun, wiewohl das Stück aus Marketinggründen auf der in den USA vertriebenen Version des Albums geparkt wurde: Bei dem lockeren, fröhlichen, unkomplizierten Elektropopsong, den DM angeblich innerhalb eines Tages produziert hatten, handelte es sich nämlich um eine Beigabe zum Soundtrack für die Teenagerkomödie "Modern Girls", eine typische Happy-Produktion mit der passenden Portion Romantik und ein wenig Crime. Er spielt in Los Angeles, und abgesehen davon, dass die wunderbare Daphne Zuniga eine Hauptrolle hat (Hach!), wär darüber nur zu sagen, dass er die 1980er-Jahre in ihrer Schrillheit und angeblichen Geschmacksfragwürdigkeit herrlich widerspiegelt.

Wobei, man lache nicht über die 80er! Das tun nur die zu spät gekommenen Unter-30-Jährigen von heute. Vielmehr waren die 80er eine Zeit, in der - gerade auch in Jugendalltag und Jugendkultur - noch alles ging, wo alles möglich war (oder so schien) und man nicht zu Unrecht dachte, die hemmende Ära des Autoritären, Reaktionären und Ideologischen halbwegs überwunden zu haben. Seit spätestens Anfang der 2000er heißt es hingegen überall "Dieses und jenes geht so nicht", "Dieses und jenes sagt man so nicht". Irgendjemand fühlt sich immer betroffen oder beleidigt oder ruft dümmlich mahnend "Language!", wenn etwas angeblich Unkorrektes gesagt wurde.

Statt Aufbruch und Freiheit also wieder Zäuneziehen und Tabus. Heute maßregelt einen nicht mehr so sehr der Staat, heute besorgen das viele schon automatisch für sich selbst und ihr Umfeld in einer eiertänzerischen Das-geht-so-nicht-Kultur. Es gibt (gerade im jüngeren Segment) offenbar nur noch drei Lager: die politisch Korrekten, die Prolos und die Rihanna-Bieber-Klasse.

Aber lassen wir das Sozialgranteln. DM jedenfalls haben diesen Song nie gemocht, dabei ist er so hübsch. Er stimmt milde. Aber in Zusammenschau mit dem Video auch betrüblich - der Blick in die verbrauchten frühen Jahre rührt Bitternis in den Magen. Tatsächlich wurde "But not tonight" erst im April 2013 bei einem Gig in Los Angeles erstmals live gespielt, gesungen diesfalls von Gore.

Oh God, it's raining

But I'm not complaining

It's filling me up

With new life

The stars in the sky

Bring tears to my eyes

They're lighting my way

Tonight

And I haven't felt so alive

In years

To Have and to Hold (1987)

Das Nachfolgeralbum "Music for the Masses" (September 1987) behält den düsteren Grundton bei, erhebt die Musik aber aus dem schmierigen Licht des Kellers und lässt sie von einer mächtigen Parteitagsplattform aus über eine weite Ebene schallen. Man ist bei fast jedem Lied gezwungen, in großen Gesten zu posen. Das Sampeln wurde etwas zurückgeschraubt und es kamen mehr - freilich ebenfalls synthetisierte - reale Instrumentenklänge etwa von Gitarre und Klavier zum Einsatz. Die Songs klingen transparenter, kristalliner, in Summe propagandahafter, ja vom Gestus her leicht faschistoid, und es ist müßig zu erwähnen, dass das Album mit bekannten Hits wie "Strangelove", "Never let me down again" und "Behind the Wheel" vollgepackt ist.

Viele hielten es lange für etwas übertrieben, hart und kalt, stellenweise für zu experimentell. In den USA gelang DM damit aber der Durchbruch auf breiter Front.

Das Stück "To Have and to Hold" indes ist nur 2:51 Minuten lang, aber ein unheimlicher Monolith aus hinterlistig komprimierter Spannung, ein Song, der durch den Wald schleicht wie ein Panther, jederzeit zum Sprung bereit, der aber am Ende wie eine Dampflok ins folgende Stück "Nothing" abrollt. Dazwischen sind Spuckgeräusche, Tischtennisbälle und andere Bizarritären zu hören, wobei der Text selbstkasteiend wirkt und ungewollt schon mit Gahans virulenten Drogenproblemen korreliert. Millionen Menschen haben sich auch lange gefragt, was die offenbar russische Radiostimme zu Beginn denn sage. Nun, sie sagt:

„В докладах рассматривается эволюция ядерных арсеналов и социально-психологические проблемы гонки вооружений".

Okay, auf Deutsch: „In den Berichten werden die Entwicklung der nuklearen Arsenale und die sozialpsychologischen Probleme des Rüstungswettlaufs betrachtet". Das Tonsample war von Wilder aufgenommen worden, er und seine Kollegen hatten keine Ahnung, was der Sprecher sagte, es klang halt lässig. Und im Kalten Krieg machte sich so was auch immer gut.

I need to be cleansed

It's time to make amends

For all of the fun

The damage is done

And I feel diseased

I'm down on my knees

And I need forgiveness

Someone to bear witness

To the goodness within

Beneath the sin

Although I may flirt

With all kinds of dirt

Hier wieder ein inoffizielles Video, das aber die Stimmung perfekt wiedergibt:

Nothing (1987)

Dieses bereits erwähnte Stück ist eine unaufhaltsame Dampflok mit vielfach ineinander verschachtelten Klangläufen, Melodien und Rhythmussequenzen. Nicht ganz unbekannt, aber eines der stärksten, krafteinflößendsten DM-Stücke, gerade auch zum Mitsingen, nein: Mitkämpfen. Dabei ist der Text ziemlich frustrierend - aber man ballt ungewollt die Faust.

Sitting target

Sitting waiting

Anticipating

Nothing

Nothing

Life

Is full of surprises

It advertises

Nothing

Nothing

What am I trying to do

What am I trying to say

I'm not trying to tell you anything

You didn't know

When you woke up today

Route 66 (1988)

Im Gefolge von Music for the Masses entstanden noch einige Spezialitäten. 1946 hatte Bobby Troup den Bluessong "Route 66" komponiert, der von Nat King Cole gesungen wurde. Danach versuchten sich Perry Como, Chuck Berry und die Rolling Stones daran. Im Refrain werden Orte aufgezählt, die am US-Highway Nr. 66 liegen. DM wählten den Song passenderweise als B-Side für die Single "Behind the Wheel" aus. Der Song kommt auch beim legendären Band-Film "101" (mit dem abschließenden historischen Auftritt im Pasadena Rose Bowl Stadium vom 18. Juni 1988), der die 101 Konzerte umfassende US-Tour nachzeichnet, zum Einsatz.

Well, if you ever plan to motor west

Travel my way, take the highway that's the best

Get your kicks on Route 66

Well it winds from Chicago to LA

More than two thousand miles all the way

Get your kicks on Route 66

Stjärna (1988)

Auf Wunsch einer französischen Plattenfirma wurde im Mai 1988 der (textlich nicht unumstrittene) Song "Little 15" als Single ausgekoppelt. Auf der B-Side wagen sich Mode in bis dato unbekanntes Terrain vor: in die Klassik. Dort sind nämlich zwei Pianostücke, die von Wilder gespielt werden. "Stjärna", das erste, hat Martin Gore komponiert und bedeutet auf Schwedisch "Stern". Es ist traurig, für Spätherbstnachmittage mit Nieselregen oder Friedhofsbesuche. Das folgende Video zeigt nur ganz reduziert das Cover der Single.

Moonlight Sonata Nr. 14 (1988)

Das zweite Stück auf besagter B-Side ist noch reduzierter. Wilder spielt am Piano Ludwig van Beethovens dunkelromantische Mondscheinsonate von 1801; ein so aufrührendes wie drückendes Stück Musik.

© Depeche Mode in front of the masses / Bild: depechemode.com

Weil es auch hier kein Video dazugibt, sei ein Fan-Tribute zu Ehren Alan Wilders gestattet, diesem so wichtigen einstigen Depeche-Mode-Mitglied mit den unheimlich fröhlichen Augen und dem bübischen Charme. Sein Abgang 1995 hat DM nicht gut getan.

Sweetest Perfection (1990)

"Music for the Masses" hievte DM endgültig auf eine weltweit massentaugliche Welle und erwies sich als kreativer Nachbrenner für die Band, denn bereits zwei Jahre später, im März 1990, schlug das Nachfolgeralbum, was beileibe nicht alle vermutet hatten, erneut wie eine Bombe ein: Natürlich scheiden sich die Geister, doch "Violator" gilt bis heute weithin als das beste Depeche-Mode-Album. Es ist jedenfalls mit mehr als 15 Millionen Stück das bisher meistverkaufte Album der DM-Geschichte.

Erstmals baute die Band unverfremdete Gitarren in ihre Stücke ein, mit Erfolg, wie etwa "Personal Jesus" beweist. An sich muss man bei der Platte nichts mehr vorstellen, sie darf en gros als bekannt vorausgesetzt werden, man denke nur an Gewaltakte wie "Enjoy the Silence", "World in My Eyes", "Halo", "Policy of Truth". Eine Perle ist "Sweetest Perfektion", der zweite Song: Ein anfangs stilles, minimalistisches, langsam anschwellendes Stück, eindringlich gesungen von Gore. So schön kann Leiden sein. Hat eben auch mit Liebe zu tun.

The sweetest perfection

To call my own

The slightest correction

Couldn't finely hone

The sweetest infection

Of body and mind

Sweetest injection

Of any kind (…)

Takes me completely

Touches so sweetly

Reaches so deeply

I know that nothing can stop me"

Clean (1990)

Ausnahmsweise noch ein Stück von Violator: "Clean", dieser große, stampfende Abschluss, führt wie durch eine lange Höhle, deren Wände mit scherenschnitthaften Szenen aus Dantes "Inferno" beleuchtet werden, und über weite Streicherflächen hinaus ins Freie - wobei allerdings nicht so sicher ist, ob auch dort nicht immer noch Nacht ist. Und wenn Gahan davon singt (und er singt gewaltig), dass er wieder "clean" sei, kommt man zum Schluss, dass er vor allem sich selbst etwas vormacht - sein Absturz in Drogen und Alkohol war eben tüchtig im Gange.

Clean

The cleanest I've been

An end to the tears

And the in-between years

And the troubles I've seen

Now that I'm clean

You know what I mean

I've broken my fall

Put an end to it all

I've changed my routine

Now I'm clean

Enjoy the Silence, Harmonium Version 1990

Die im Februar 1990 vorab veröffentlichte Single "Enjoy the Silence" erwies sich als eines der nachhaltig wirksamsten Werke, wenn nicht als DAS musikalische Konzentrat und weltwirksame Erbe von DM. Allein die Zahl der Coverversionen ist Legende (es sind mehr als 50).

Dabei ist die Geschichte dieses Welthits eigentümlich: Martin Gore hatte das Stück nämlich zuerst in einer weit langsameren, jammerhaften Version komponiert und auf einem Harmonium aufgeführt, einem luftbetriebenen Tasteninstrument vergleichbar einer Orgel, aber von unsauberem Klang. Es war Alan Wilder, der das Hitpotenzial erkannte und das Stück mit Produzent Flood in einer schnelleren, tanzbaren, elektronisch metallisch ummantelten Version aufnahm. Dazu kamen prägnante Gitarrenriffs, Drumbeats und Gahans messerscharfe Stimme statt dem flehenden Vibrato Gores. Dieser hatte zunächst ziemlich geschmollt, aber der Neufassung dann doch zugestimmt. Und es war gut so.

All I ever wanted

All I ever needed

Is here in my arms

Words are very unnecessary

They can only do harm 

 

Sibeling (1990)

Die B-Side zu "Enjoy the Silence" enthielt zwei Stücke, eines davon ist erneut ein rein instrumentaler Ausflug in die Klassik. "Sibeling", komponiert von Gore, wirkt durch und durch melancholisch und sollte gemieden werden, wenn man Suizidgedanken hegt oder an Depressionen leidet - genau von solchen soll Gore indes damals bisweilen gestreift worden sein.

Der Name ist eine Reverenz an den spätromantischen finnischen Komponisten Jean Sibelius (1865-1957). Das Video dazu ist notgedrungenermaßen wieder ein Fan-Tribute. Suchen Sie sich dazu eine ruhige Minute aus. Ein Viertel Rot tut gut dazu, ja: ein Viertel.

Happiest Girl (1990)

Happiest Girl wiederum ist die B-Side der Violator-Single "World in My Eyes", die erst im September 1990 erschien. Jede andere Band hätte diesen Song, ein klares Liebeslied, wohl auf das Album selbst gepresst. Happiest Girl ist ein gutes Beispiel dafür, warum Fans seit Jahrzehnten auch jede Single kaufen: Die Qualität der B-Sides und Remixes war und ist außergewöhnlich. Zu empfehlen ist hier übrigens auch die "Personal Jesus"-B-Side "Dangerous".

Happiest girl I ever knew

Wanted to feel the joy

Flow between our lips

Wanted to feel the joy

Flow between our hips

Happiest girl I ever knew

Why do you smile the smile you do

Condemnation (1993)

Violator war Basis für eine lange, verzehrende Welttournee geworden, und es war sicher zu früh, als DM schon im Jänner 1992 in einer eigens hergerichteten Villa in Madrid wieder zusammenkamen, um erneut ein Werk zu wagen. Tatsächlich machte man sich zu viel Druck, Gore hatte angesichts der gigantischen Vorlagen von "Music for the Masses" und "Violator" Versagensängste. Andrew Fletcher beschrieb die Stimmung als "klaustrophobisch", es gab Künstlerstreit vor allem zwischen Wilder und Gore und Entfremdung zwischen allen Musikern. Gahan, der seit einigen Jahren in Los Angeles lebte, war den anderen schon allein geografisch etwas entfremdet, pflegte plötzlich Attitüden in Richtung Grunge und kaputter Rockstar - und war passend dazu jetzt gar heftig auf bösen Substanzen, vor allem auf Heroin. Er beschränkte sich aufs Singen - aber wie er sang!

Dass das im März 1993 veröffentlichte Album "Songs of Faith and Devotion" zustandekam, war eigentlich schon ein Wunder. Es setzte sich stilistisch mit seinen Einflüssen von Rock und Grunge und Gospel, mit der Benutzung von echten Gitarren und Schlagzeug und des Irischen Dudelsacks sowie des Einsatzes von Gospelsängerinnen von allen Vorgängern unerhört ab und wurde zum wuchtigsten, opulentesten und religiös befrachtetsten Album, das DM je gemacht hatten - was nicht nur an Gores eigentümlich büßerhaften Kompositionen lag sondern auch daran, dass sich Gahan in der Pose des dunklen, abgründigen Finstermanns, des Märtyrers, mithin des Jesus Christus gefiel.

Das Album stand im Erfolg "Violator", das im Vergleich dazu spröde und oberflächlich klang, in nichts nach und errang (so viel zu schnöden Quantitäten muss sein) von allen DM-Alben bisher die meisten Nummer-1-Plätze in den Charts. Auch hier ist es an sich unnötig, ein Stück wiederzugeben, Tonkathedralen wie "Walking in My Shoes" oder "In Your Room" sind für immer unverrückbar und wahr. Dennoch sei das gospelhafte "Condemnation" hervorgehoben: Es markiert den Scheitelpunkt von Gahans Sangeskunst, aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen des einstigen Plastikpoppers zum Trotz. Gahan selbst nennt es meist sein Lieblingsstück.

Accusations

Lies

Hand me my sentence

I'll show no repentance

I'll suffer with pride

If for honesty

You want apologies

I don't sympathize

If for kindness

You substitute blindness

Please open your eyes

My Joy (1993)

Abseits der Opulenz schuf DM ein vergleichsweise schlichtes Pop/Rockstück, "My Joy", die B-Side zur im April 1993 erschienenen Single "Walking in My Shoes." My Joy ist an sich nicht wahnsinnig aufregend, aber solide und wandert gut dahin. Interessant ist vor allem das Video: Erstens, weil Dave Gahan für den damaligen Zeitpunkt viel zu gesund und gepflegt aussieht; zweitens, weil es den speziellen Geschmack von DM für weibliche Darstellerinnen in ihren Videos beweist - wiewohl diese diesmal zur Abwechslung blond ist. 

My joy... the air that I breathe

My joy... in God I believe

My joy...

You move me 

  

Higher Love - live (1993)

Im Mai 1993 begannen DM eine Tour, die ihnen fast das Genick gebrochen hätte: Die "Devotional Tour" dauerte bis Dezember, nur um schon im Februar durch die "Exotic Tour/Summer Tour '94" fortgesetzt zu werden, und zwar bis Juli. Also waren DM 14 Monate fast ununterbrochen unterwegs, spielten insgesamt mindestens 159 Konzerte auf allen Kontinenten.

Gahan war voll auf Drogen und die ganze Zeit über "auf einem anderen Planeten", sagt Andy Fletcher. Martin Gore begann richtig arg zu saufen. Der baumlange, so unumstößlich wirkende Fletcher bekam es auch mit den Nerven zu tun, wurde depressiv und ließ sich ab April 1994 am Synthesizer durch Roadmanager Daryl Bamonte ersetzen - dessen Bruder Perry war übrigens viele Jahre Gitarrist bei "The Cure". Auch Alan Wilder haderte mit der Gesamtsituation und war unglücklich.  

Dennoch waren die Konzerte Heilige Messen. Und besser als mit der folgenden Intonierung von "Higher Love" - eigentlich dem Schlusssong von "Songs of Faith and Devotion" - kann man ein Depeche-Mode-Konzert eigentlich nicht eröffnen. Gekonnt bauen die Elektronikpioniere die Spannung auf. Für Fans ist das Gänsehaut-Feeling pur. Es dauert eine Minute, bis Dave Gahan, versteckt hinter einem Vorhang, seine Stimme erhebt. Und "Higher Love" hält dem Vergleich zu Stücken wie "I Feel You" und "Condemnation" problemlos stand.

I can taste more than feel

This burning inside is so real

I can almost lay my hands upon

The warm glow that lingers on

Moved, lifted higher

Moved, my soul's on fire

Moved, by a higher love

Freestate (1997)

Man könnte die Geschichte von Depeche Mode nach diesem Album durchaus beschließen, denn nach der Tour explodierte die Band wie eine Feuerwerksrakete. Alan Wilder stieg im Sommer 1995 aus, weil er sich zu wenig respektiert und bei der Verteilung der Arbeitslasten überfordert fühlte; Gahan lebte in L. A. zwischen Nadel und Nasenloch, beging einen Selbstmordversuch und wäre im Mai 1996 beinahe an einem Speedball (einer Mischung aus Koks und Heroin) gestorben, er war zwei Minuten lang gar klinisch tot.

Allgemein ging man vom Ende aus, doch Gore schaffte es irgendwie, Gahan und Fletcher wieder zur Zusammenarbeit zu prügeln. Die Aufnahmen, die zustandekamen, zogen sich anfangs lange zäh dahin, weil Gahan noch so ein Wrack war, doch dann stieg im April 1997 tatsächlich ein Phönix aus der Asche: das Album "Ultra".

Der Phönix an sich ist ein edler Vogel, doch das Album Ultra kam insgesamt ziemlich gerupft und bescheiden daher. Es ist sicher nicht unter den besten DM-Alben, aber doch ein bemerkenswertes Stück Zähigkeit, Überwindungskraft, Blut, Schweiß und Entzugserscheinungen. Man hört den Songs, die meist in einem Grauton dämmern wie in der Ecke einer Bar, in die schon lange kaum noch einer geht, das gewesene Unglück an. Das macht die Platte doch wieder schön und stolz.

"Freestate" ist eines jener Stücke, das seinen Kopf noch vergleichsweise hoch trägt. Es geht um Mut, um Wachstum und neue Anfänge, um das Verlassen des Käfigs und könnte durchaus auf "Songs of Faith and Devotion" gewesen sein, wäre dort aber wiederum als eher gemäßigt aufgefallen. Die sonnenuntergangsschwere Gitarrenlinie erinnert übrigens an einige der besten Momente von "The Cure".

Step out of your cage

And onto the stage

It's time to start

Playing your part

Freedom awaits

Open the gates

Open your mind

Freedom's a state

Insight (1997)

In einem Interview mit dem deutschen "Rolling Stone" vom März 1997 sagte Dave Gahan: "Als ich gestern hier in Hamburg ankam, sah ich die Hotelbar und verspürte eine ungeheure Gier, sie sofort leerzusaufen. Aber ich bin seit einem halben Jahr clean und weiß, wohin es führen würde, wenn ich nur einen Tropfen trinken würde: Am Ende stünde das Heroin."

Am Ende von Ultra findet sich noch eines der schönsten Lieder, das DM je kreiert haben, und das in majestätisch kosmischer Erhabenheit davon kündet, dass das Feuer noch brennt, die Welt sich weiterdreht und alles gut werden wird. Insofern ähnelt es dem Tenor des 25 Jahre älteren Songs "The Sun and the Rainfall" von 1982 - und man möchte doch so gerne daran glauben.

This is an insight

Into my life

This is a strange flight

I'm taking

My true will

carries me along

This is a soul dance

embracing me

This is the first chance

to put things right

Moving on

guided by the light (…)

And the spirit of love

is rising within me

Talking to you now

Telling you clearly

The fire still burns

Damit hätten es DM dann wirklich bewenden lassen können: Im Grunde kam, von einigen Songs auf "Playing the Angel" abgesehen, bis heute nämlich nichts wirklich Besseres oder Gleichwertiges nach. > Sorry Mode.

Ghost (2009)

Der jüngere Kollege wollte dennoch noch etwas anfügen: "Ghost" ist einer jener fünf Songs, die nicht auf dem Album "Sounds of the Universe" vom April 2009 verwendet wurden und die DM nur als Teil des drei CDs umfassenden Deluxe-Box-Sets veröffentlichten. Wieder einmal ist es auf den ersten Blick unverständlich, den fast schon majestätischen Song, der Depeche Mode von einer gelassenen und unaufgeregten Seite zeigt, nicht auf das Album zu nehmen. Tatsächlich fügt sich der Song perfekt in die Bonus Tracks und Remixes der zweiten CD des Sets ein (auf der dritten CD finden sich nur Demo-Versionen). Es ist fast so, als hätten DM ein Doppelalbum herausgegeben.

I’m the ghost in your house

Calling your name

My memory lingers

You’ll never be the same

I’m the hole in your heart

I’m the stain in your bed

The phantom in your fingers

The voice in your head

What's Your Name? (1981)

Nach all den schönen Sachen zum Abschluss noch etwas Unerträgliches: Nämlich jenen Song, den Martin Gore und Andy Fletcher 2005 einmütig als peinlichstes Lied der Mode-Geschichte bezeichnet haben. Es war "What's Your Name?" vom allerersten Album, und das folgende Video datiert vom Dezember 1981 - das ist jetzt also 32 Jahre her. >Schnüff! Mode.

                                      D   M

Après Mode (1990):

 Anmerkung: Diese Zusammenstellung wurde 2014 für das damalige Wien-Konzert von Depeche Mode erstellt. Aus unserer Sicht ist sie nach wie vor gültig.

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