Ulla Jahn sammelt rare Design-Klassiker auf der ganzen Welt

Woran erkennt man einen Eames-Stuhl der ersten Generation? „Ganz einfach“, sagt Ulla Jahn. Sie hebt ein Modell aus dem Schaufenster, dreht es auf den Kopf und zeigt auf den kaum wahrnehmbaren Wulst, der am Rand der blassgelben Sitzschale entlangläuft. „Bei den ersten Exemplaren war ein Seil eingegossen, aus Stabilitätsgründen. Der Sitz bestand aus Polyesterharz und Glasfasern, an der Mischung musste man aber anfangs noch feilen.“

Gut 2000 Stühle mit dem sogenannten „Rope Edge“ wurden 1950 produziert, zehn davon stehen zurzeit in Ulla Jahns Showroom in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Beim Modell aus dem Fenster schimmern unzählige silbrige Fiberglasfäden, fein wie Feenhaar auf der Oberfläche. „An dieser Struktur konnte ich einfach nicht vorbeigehen“, sagt Ulla Jahn und lächelt.

Die „Cherner-Chairs“ sind amerikanische Ikonen Die „Cherner-Chairs“ sind amerikanische Ikonen

Quelle: func.

Spätestens jetzt wird klar, dass das hier kein weiterer Laden für Vintage-Mobiliar ist, in dem man gebrauchte Klassiker billiger bekommt als neu produzierte. Nein, „func.“, so heißt das Unternehmen, ist eine Möbelgalerie für rare Kostbarkeiten – und die einzige ihrer Art in Hamburg. Der Schwerpunkt liegt, wie der Name schon andeutet, vor allem auf funktionalem Design: Leuchten aus der Bauhaus-Ära etwa oder amerikanische und skandinavische Midcentury-Möbel. Ulla Jahn handelt nur mit Originalen und stets sind es die überraschenden, besonderen, manchmal auch sperrigen Stücke, die sie reizen: Wenn schon Eames-Stühle, dann solche der ersten und zweiten Generation.

Von den berühmten weißen „Tulip“-Möbeln von Eero Saarinen, erkennbar am zentralen trichterförmigen Fuß, gibt es bei ihr Sonderanfertigungen wie den ovalen Tisch mit zwei Beinen statt einem oder den Standascher aus dem alten TWA-Terminal am Kennedy-Airport in New York. Sie hat vier Stühle mit einem geradezu klobig zusammengesteckten Holzgestell und Lederbespannung in Angebot, die irgendwie nach brasilianischer Avantgarde aussehen, aber vom Mit-Erbauer des Münchener Olympiastadions Frei Otto stammen. Wer allerdings das Daybed mit dem eleganten, kantig-klaren Metallgestell ersann, auf dem die schwarze Polster-Auflage zu schweben scheint, kann sie nicht sagen. Es ist einem Entwurf des dänischen Designers Jorgen Kastholm von 1965 sehr ähnlich, „aber er war’s nicht, ich habe seinen Sohn gefragt“.

Meetingraum eines Medienunternehmens, den Jahn gestaltet hat Meetingraum eines Medienunternehmens, den Jahn gestaltet hat

Quelle: func.

„Wir verkaufen nur, was uns selbst gefällt“, sagt die Galeristin. Man ahnt dann etwas von der kompromisslosen Leidenschaft, mit der sie ihr Geschäft betreibt und die erst allmählich hinter ihren nüchternen Selbstauskünften aufscheint, die hanseatischer kaum sein könnten. Obwohl Ulla Jahn aus Tübingen kommt. Sie ist auf Umwegen nach Hamburg gekommen und zur Design-Expertin geworden. Ihre berufliche Laufbahn begann mit einer Hotelfach-Lehre, „weil ich Barkeeper werden und die Welt sehen wollte“. Danach heuerte sie als Praktikantin bei einer Filmproduktionsfirma an und kam so zum Werbefilm.

Sie arbeitete bei Springer & Jacoby und bei Jung von Matt, drehte Spielfilme und war selten länger als zwei Monate am Stück zu Hause. Zwanzig Jahre ging das so, dann wünschte sie sich „mehr Sesshaftigkeit“ und suchte etwas Neues. „Das Einzige, was mich neben Film interessiert, ist Design“, sagt sie trocken. Aus einer fixen Idee heraus begann sie zu recherchieren und „ein halbes Jahr später stand ich in meinem ersten Laden“. Das war in Feldafing am Starnberger See: „3000 Rentner und ich, da war ich der Dorfnarr.“ Und obwohl es dort viel kaufkräftiges Klientel gibt und das Geschäft gut lief, haben sie und ihr Mann, der Werber Mathias Jahn, sich irgendwann gelangweilt in der Idylle und sind wieder nach Hamburg gezogen.

Regalsystem „663“ von Wim Rietveld aus dem Jahr 1954 Regalsystem „663“ von Wim Rietveld aus dem Jahr 1954

Quelle: bertold fabricius; Func

Hier eröffnete sie im Herbst 2013 den Showroom in der Neustadt. Es ist ein heller, großer Raum mit breiter Glasfront zur Straße, hohen Decken und grauen Wänden. Auf großen Regalen und niedrigen Podesten werden die Möbel respektvoll und doch fast beiläufig präsentiert. Anfangs kam es gelegentlich zu Missverständnissen mit Passanten, die zufällig hereinschneiten aus Neugier, Langeweile oder weil’s draußen regnet.

Wie aber erklärt man einer erschöpften Jungmutter, dass sich die klatschnassen Schneeanzüge ihrer Kinder nicht mit einem weißen 18.000-Euro-Sofa des amerikanischen Design-Stars Vladimir Kagan vertragen, oder dem Ehemann, dessen Frau nebenan beim Waxing ist, dass die Armlehne eines Eames-Lounge-Chairs zu fragil zum Draufsitzen ist? Dass sich Leute in der Galerie verhielten, als wäre es der Ausstellungsbereich bei Ikea, „das konnte ich einfach nicht anders als persönlich nehmen“, sagt Ulla Jahn trocken. Und weil sie „nicht so ladentauglich“ ist, öffnet sie den Showroom seit drei Jahren nur noch nach Voranmeldung. „Wer wirklich Interesse hat, nimmt vorher sowieso zu mir Kontakt auf.“

Von der Barkeeperin zur Designexpertin

Zuerst hat die Galeristin sich auf Industrial Design konzentriert, ruppige Stücke aus Eisen und Stahl, denen man die Herkunft aus Werkstatt und Fabrikhalle ansieht. „Aber wenn man einmal etwas hatte, dann will man das Nächstbessere.“ So hat sie sich auf Messen, Märkten und Auktionen vorgearbeitet zu immer ausgesuchteren Stücken, hat ihren Blick geschult und ihr Wissen vertieft – „mein Mann recherchiert meist vorab, ich vertraue auf mein gutes Auge und auf Trial and Error“.

Besuch auf der Stockholmer Möbelmesse Northern-Loud_Yam_Stilk_lounge_portrait _Photo_Chris_ Tonnesen - High res Design Fair Stockholm Stockholm Furniture Fair

Heute verfügt sie über ein Netzwerk aus Restauratoren und anderen Händlern und verkauft international, zum Teil über einschlägige Internetplattformen, das meiste aber direkt. „Obwohl unsere Website auf Deutsch ist, bekomme ich viele Anfragen aus dem Ausland.“ Die „Caned Sofa Bench“ zum Beispiel, eine elegante dunkle Holzbank mit Rückenlehne und Sitzfläche aus hellem Korbgeflecht von Paul Laszlo ging an einen Kunden in Holland. „Hier kennt man den Designer kaum, die Leute fanden, das sei ja wohl ‚ein bisschen Azteken-Chic‘“.

Sessel der „Steel Frame Collection“ von George Nelson Sessel der „Steel Frame Collection“ von George Nelson

Quelle: func.

Es ist, verkürzt gesagt, Design für Fortgeschrittene, mit dem Ulla Jahn handelt. Für Sammler, Design-Liebhaber, Interior-Gestalter – Leute, die Preise von oft mehreren Tausend Euro nachvollziehen können. Mit ihnen teilt sie ihre Begeisterung für „Schönheit und Idee“, deren Verbindung für sie gutes Design ausmacht. Jedes Möbel hier hat eine Geschichte und Persönlichkeit. Sie ist auch an der Patina ablesbar, die bei der Restaurierung bewusst bewahrt wird.

Und natürlich berät Ulla Jahn ihre Kunden auch dabei, wie und wo sich die Stücke in deren Zuhause am besten machen. Auch die Hotellerie berät sie. Der Budget-Kette „Motel One“ lieferte sie im vergangenen Jahr allein 350 Stücke für die Lobbys. „Das ist extrem freudvoll“, sagt sie. Noch schöner sind nur die Einkaufstouren selbst, und regelmäßig kann sie vorher kaum schlafen vor Aufregung. „Dafür machen wir ja den Job. Weil wir die Dinge so gern finden und kaufen.“

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